Mittwoch, 17. Juli 2013

Stärke Deine Stärken (Teil 2)

Drei Jahre später organisierten die ehemaligen Absolventen des Trainingsprogramms ein Klassentreffen. Es fand in dem Pavillon statt, der in der Nähe des damaligen Übungsgelände lag. Schon während ihrer Ausbildungszeit trafen sie sich dort öfters, um sich über ihre Lernfortschritte auszutauschen oder auch einfach mal ein Schwätzchen zu halten.

Wasser ist noch kalt“Was ist eigentlich mit Lampe? Kommt der noch?”, wollte die Ente Roberta wissen. Nun war schon über eine halbe Stunde vergangen und der Hase war immer noch nicht eingetroffen. “Oh sorry, ich vergaß völlig euch zu sagen, dass sie Lampe nicht raus lassen!”, informierte das Eichhörnchen Jack die anderen. “Letzte Woche hab ich ihn in der Klinik besucht. Es geht ihm gar nicht gut!” Jack runzelte seine Stirn. “Wie konnte es überhaupt so weit kommen?”, fragte Roberta mit leiser Stimme und hatte dabei einen traurigen Gesichtsausdruck.

Jack beugte sich ein wenig nach vorn: “Lampe hatte ja bereits während unserer Ausbildung immer einen depressiven Touch. Als er dann in der praktischen Prüfung im Schwimmen eine Fünf und beim Fliegen sogar eine Sechs bekam, gingen bei ihm die Lichter aus. Er fühlte sich als totaler Versager und sah alles nur noch negativ. Das wurde mit der Zeit immer schlimmer. Als ich ihn besuchte, saß er im Garten der Klinik zwischen zwei Bäumen auf dem Moos. Er starrte mich nur apathisch an und brummte irgendwas vor sich hin, wie ‘Bringt doch alles nichts!’ Dann fing er auf einmal an zu graben. Auf meine Frage, warum er das machen würde, meinte er nur, er suche nach dem Kristall - irgend so ein magischer Stein, der ihm helfen sollte, aus seiner Misere rauszukommen.”

“Das hört sich wirklich nicht gut an!”, meinte Roberta besorgt. “Ich denke, Lampe ist einfach das Opfer unserer kalten Leistungsgesellschaft geworden.” “Das sehe ich auch so!”, stimmte Jack zu. “Wir sind zwar nicht so abgedreht wie Lampe, aber dieser ganze Karrierezirkus entmutigt auch mich so langsam immer mehr. In meinem Job komme ich mir nur noch vor wie eine Nummer.” “Wenn du was erreichen willst, dann musst du eben was leisten!”, widersprach ihm die Qualle Ivan. “Dazu braucht man einen eisernen Willen, Disziplin und Teamfähigkeit.” “Das glaubst du doch wohl selbst nicht!”, unterbrach ihn Jack und schüttelte mit dem Kopf. “Ich denke eher, dass für einen guten Posten ganz andere Qualitäten erforderlich sind: Nach oben kriechen und gleichzeitig nach unten treten, ein wenig herumschleimen hilft sicher auch. Und wenn es dann immer noch nicht geklappt hat, kann man ja noch die maßgeblichen Leute bestechen.” “Was redest du für einen Müll?”, reagierte Ivan entrüstet. “Du bist ja bloß neidisch!” “Auf dich?”, rief Jack spöttisch. “Nur weil du dich hochgeschleimt hast. Du denkst wohl, du wärst hier der Schnirkelkönig, oder was?”

Fressendes Eichhörnchen“Jungs, haltet den Ball flach!”, versuchte der Adler Makani die Kontrahenten zu besänftigen. “Das bringt doch nichts, wenn ihr euch gegenseitig an die Gurgel geht. Außerdem wollte ich mir von euch nicht den netten Abend versauen lassen. Lasst uns lieber über alte Zeiten quatschen, einen trinken und Spaß haben.” “Ich trinke keinen Alkohol!”, sagte das Eichhörnchen. “Letztes Jahr bin ich zu den Mormonen konvertiert und lebe seitdem abstinent.” Ente Roberta schaute verwundert: “Du und abstinent? Früher hast du doch immer …!” Sie kam gar nicht dazu, ihren Satz zu Ende zu sprechen, weil sie von Jacks lautem Gelächter unterbrochen wurde: “Ich hab dich nur verarscht! Du hättest mal dein Gesicht sehen müssen. Hast du wirklich geglaubt, ich wäre zu den Mormonen übergetreten?” Jacks fing erneut an zu lachen und steckte die anderen damit an. Nun war das Eis gebrochen. Für den Rest des Abends hatten die früheren Ausbildungskollegen ihren Spaß.

Nur Makani wirkte zwischendurch immer wieder ziemlich ernst. Jack bemerkte seine nachdenkliche Stimmung: “Was ist los, Makani? Du machst so einen gedankenverlorenen Eindruck!” “Ach, ich grüble schon seit Wochen darüber nach, welchen Sinn das alles machen soll, jeden Tag aufzustehen, um einem Job nachzugehen, der total öde ist. Vor kurzem war ich bei einem Therapeuten, weil ich mich völlig überlastet fühlte und den Eindruck hatte, langsam aber sicher in Richtung Burnout zu steuern. Nach diesem Gespräch wurde mir klar, dass der Grund für meine mangelnde Energie nicht Überlastung ist, sondern genau das Gegenteil. In Wirklichkeit ist mir langweilig! Ich habe das Gefühl, völlig unter meinen Möglichkeiten zu bleiben und am Eigentlichen vorbeizugehen. Im tiefsten Inneren möchten ich etwas anderes leben, weiß aber nicht, wie ich das anstellen soll. Die vielen Sachzwänge halten mich davon ab, das zu tun, was ich mir wünsche.”

“Das Leben ist nun mal so!”, warf Jack ein. “Nur wenige haben das Glück, das tun zu können, was sie wollen. Uns wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als uns mit dem zu begnügen, was wir haben. Um überhaupt einen Job zu haben, müssen wir nun mal die Erwartungen der maßgeblichen Leute erfüllen.” Makani sah das völlig anders: “Damit gebe ich mich nicht zufrieden! Ich erwarte mehr vom Leben. Morgen habe ich einen Termin bei einem Coach, der im großen Wald lebt. Ich hoffe, dass der mir weiterhelfen kann.” Makani sah Jack an, dass dieser keine Lust hatte, weiter darauf einzugehen. Deshalb beendete er das Thema, prostete seinen Freunden zu und alle erlebten zusammen noch einen lustigen Abend.

Fotos:
“Wasser ist noch kalt” © : Ulrich Velten / PIXELIO

Fressendes Eichhörnchen” © : Marlene B. (me) / PIXELIO
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