Freitag, 11. Juli 2014

Meine 10 Thesen zu Zufall, Schicksal und dem freien Willen


1. Es gibt keine schicksalhafte Vorherbestimmung. Am Ende des Films „Zurück in die Zukunft III“ sagt Doc Brown: „Deine Zukunft ist noch nicht geschrieben. Die Zukunft ist, was du daraus machst.“ (siehe auch "Drei hervorragende Möglichkeiten für eine wirksame Veränderung")

2. Es gibt keinen sinnentleerten Zufall. Wir ziehen genau die Dinge in unser Leben, die zu uns passen. "Zufall" macht nur dann Sinn, wenn ich ihn als etwas verstehe, dass mir "zu fällt", sozusagen "als Geschenk von oben".

3. Es existiert ein vorgegebener Rahmen, in dem geistige Naturgesetze herrschen, die immer zuverlässig und präzise funktionieren (Gesetz der Resonanz, Gesetz der Anziehung, Gesetz der Entsprechung).

4. Innerhalb dieses Rahmens herrscht Willensfreiheit.

5. Wir können unseren freien Willen uneingeschränkt nutzen. Damit dieser eine bestimmte Realität bewirkt, muss dieser allerdings mit unseren Gedanken, Gefühlen, Glaubensüberzeugungen und Bewertungen unseres Unterbewusstseins in Einklang stehen. (siehe auch "Bewirkt ein positiver Gedanke eine positive und ein negativer eine negative Realität?")

6. Wir sind für alles, was in unserem Leben geschieht, selbst verantwortlich. Wir erschaffen unsere Realität selbst. Manches erschaffen wir alleine, anderes im Kollektiv mit anderen zusammen.

7. Unsere äußere Realität ist ein Spiegel unseres Innenlebens. Wenn wir unser Inneres verändern, passt sich unsere äußere Realität entsprechend an.

8. Was wir erleben, wird von unserer Wahrnehmung bestimmt. Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die schönen Dinge unseres Lebens, werden wir noch mehr Schönes erleben. Liegt unser Focus auf Mangel, ziehen wir weiteren Mangel in unser Leben.

9. Alle unsere Ziele, deren Wahrscheinlichkeit höher ist als ihre Notwendigkeit, werden in unserem Leben Realität. Ist die Notwendigkeit höher als die Wahrscheinlichkeit, geschieht genau das Gegenteil, weil sich unsere Aufmerksamkeit automatisch auf den Mangel richtet. (siehe auch "Wann und wie erfüllt sich ein Wunsch?")

10. Wenn wir die Ereignisse in unserem Leben wertschätzen und dafür dankbar sind, ziehen wir automatisch weiteres Glück in unser Leben. (siehe auch "Glück oder Unglück entsteht nicht zufällig")

Foto © : S. Hofschleger / PIXELIO

Donnerstag, 3. Juli 2014

Bewirkt eine positiver Gedanke eine positive und ein negativer eine negative Realität?


Mir ist ein interessantes Phänomen aufgefallen: Viele Menschen, die sich mit dem "Gesetz der Resonanz" und dem "Gesetz der Anziehung" beschäftigen und von der Richtigkeit dieser Prinzipien überzeugt sind, bekommen auf einmal Angst. Manchmal gelingt es einfach nicht, die eigenen negativen Gedanken zu kontrollieren. Dann denken sie darüber nach, dass jeder Glaubenssatz eine entsprechende äußere Realität formt und bekommen Panik. Ich glaube natürlich auch, dass diese geistigen Naturgesetze absolut zuverlässig funktionieren, möchte Euch aber in dieser Hinsicht beruhigen: Wenn wirklich jeder negative Gedanke zur Katastrophe führen würde, dann wären wir wahrscheinlich alle schon tot. Ich habe ja bereits in einigen Blogbeiträgen geschrieben, dass zur gewünschten Realitätsgestaltung positives Denken alleine nicht ausreicht. Genauso zieht ein negativer Gedanke allein auch nicht gleich ein negatives Ereignis nach sich.

Ich versuche das mal mit einem Bild zu verdeutlichen: Wenn Du einen bestimmten Radiosender hören willst, musst Du Dein Radio auf die Frequenz den Senders einstellen. Sender und Empfänger müssen also exakt übereinstimmen. Drehst Du in eine andere Richtung, empfängst Du entweder einen anderen Sender oder überhaupt nichts.

Bei der Realitätsgestaltung ist das im Prinzip das Gleiche, nur dass hier mehrere Ebenen übereinstimmen müssen. Wenn Du Gedanken, Gefühle, Willen, Glaubenssätze und Bewertungen in Deinem Unterbewusstseins auf eine „positive Frequenz“ einstellst, bekommst Du auch ein positives Ergebnis - immer. Die Gedanken sind dabei am einfachsten zu steuern, sind aber auch das schwächste Glied in der Kette. Sind die Gedanken positiv, die Gefühle aber negativ, setzen sich die Gefühle durch. Die ganze Sache ist also wesentlich komplexer, als gerade mal mit ein paar simplen Affirmationen die eigene Realität umzukrempeln. Wenn wir eine andere Wirklichkeit wollen, ist dazu eine ganzheitliche Veränderung erforderlich.

Foto © : Tim Reckmann / PIXELIO

Dienstag, 1. Juli 2014

Zuverlässig ans Ziel

Stell Dir vor, Du bist in Frankfurt und willst nach Köln. Du hast in Deinem Auto ein Navigationsgerät, welches Dich an Dein Ziel bringen soll. Damit das funktioniert sind zwei Informationen erforderlich:

Nr. 1 - Wo bin ich jetzt?


Nr. 2 – Wo will ich hin?

Die erste Info liefert Dir das GPS, die zweite musst Du als Adresse manuell in das Navi eintippen. Dann brauchst Du nur noch den Anweisungen zu folgen, die Dich zuverlässig ans Ziel bringen, sofern es ein vernünftiges Navi ist.


Beim Erreichen von Zielen funktioniert das im Prinzip genau so. Du brauchst vor allem diese zwei Informationen. Du musst wissen, wo Du Dich gerade befindest und solltest Dein Ziel kennen. Das „Wie“, also der Weg zum Ziel, ist zweitrangig. Du kannst Dir eine Menge Stress sparen, wenn Du nicht so viel mehr über den Weg nachgrübelst und Dich stattdessen auf diese beiden Eckpunkte konzentrierst. Was unser Navi, das Leben, das Universum, die göttliche Führung, oder wie auch immer Du das nennen magst, dann mit Dir macht, empfindest Du vielleicht als Zufall. In Wirklichkeit steckt aber ein zuverlässig funktionierendes System dahinter.


Welche Informationen benötigst Du während Deiner Reise? Du musst immer nur den nächsten Schritt wissen. Manchmal gibt Dir das Navi auch den übernächsten Schritt bekannt, falls Du zwei Mal kurz hintereinander abbiegen musst. Aber meistens reicht es völlig aus, den nächsten Schritt zu kennen. Ansonsten ist nur eines wichtig: Vertrauen! Es kann sein, dass Du Dich auf der Strecke irgendwann wunderst: „Rechts abbiegen? Ich hätte gedacht, es geht noch ein paar Kilometer weiter geradeaus.“ Hier vertraust Du trotzdem dem Navi.


Und was ist, falls Du mal nicht aufpasst und falsch abbiegst? Schlimmstenfalls fährst Du einen Umweg, aber ansonsten ist das nicht weiter tragisch. Das Navi berechnet die Strecke vom neuen Standort aus. Entweder heißt es „Bitte wenden!“, oder das Navi führt Dich auf anderen Querstraßen wieder auf die richtige Route. Vielleicht dauert die Fahrt nun etwas länger, mehr aber auch nicht. Vertrau einfach darauf, dass Du wohlbehalten an Deinem Ziel anlangst.

Foto © : Betty / PIXELIO

Freitag, 2. Mai 2014

Für das Glück sind Pausen wichtig …



... und wenn Du erfolgreich sein möchtest, solltest Du ab und zu etwas wagen!

Das Leben ist wie eine Fahrt auf einem Fluss. Du bist unterwegs, durchziehst die unterschiedlichsten Landschaften mit ihrer jeweils eigenen Vegetation. Manchmal gefällt Dir an einer bestimmten Stelle so gut, dass Du dort ein wenig verweilen möchtest. Gut, dann steig ab von Deinem Floß, mache eine Pause und genieße den Augenblick - einmal richtig durchatmen, etwas entspannen und einfach alles nur geschehen lassen. Doch irgendwann hast Du auch wieder das Bedürfnis weiterzufahren.

Vielleicht ist gerade dieser Wechsel das Geheimnis für ein Leben in Balance. Diejenigen, die immer nur unterwegs sind, ohne je anzuhalten, powern sich mit der Zeit aus. Sie nehmen auch die kleinen Glücksmomente des Augenblicks gar nicht mehr richtig wahr. Immer unterwegs sein, machen, handeln und vorwärts kommen nach dem Motto „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran!“

Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die sich scheuen, aus ihrer Komfortzone herauszutreten: „Wenn ich etwas Neues wage, gehe ich vielleicht ein Risiko ein. Ich möchte schließlich nicht das verlieren, was ich habe.“ Auf diese Weise leben sie ein Leben, in dem sie weit unter ihren Möglichkeiten bleiben. Mir fällt in diesem Zusammenhang eine Geschichte aus der Bibel ein, in der drei Menschen ihre Talente zugeteilt bekommen. Zwei davon verdoppeln diese bis zur Wiederkehr des Chefs. Der dritte vergräbt es. Genau das ist das Dilemma: Jemand hat fantastische Gaben und Fähigkeiten bekommen, macht aber nichts daraus.

Ich wünsche Euch, dass Ihr Eure Berufung lebt und falls Ihr noch nicht wisst, wie diese aussieht, dass Ihr sie erkennt. Vielleicht gibt Euch dazu mein Beitrag „Stärke Deine Stärken“ einige hilfreiche Impulse. Darüber hinaus wünsche ich Euch ebenso genügend Atempausen, um Euch neu zu orientieren, zu entspannen oder einfach nur Spaß am Leben zu haben.

Foto © : Joujou / PIXELIO

Montag, 28. April 2014

Die Wahrheit (Teil 3) - Blick über den Tellerrand

“Weil wir so überzeugt sind von der Richtigkeit unseres Urteils, leugnen wir Beweise, durch die dieses Urteil infrage gestellt wird. Auf diese Weise gelangt man zu nichts, was es verdienen würde, Wahrheit genannt zu werden.”
(Mariliynne Robinson)

“Was ist Wahrheit?” Diese Frage stellte schon Pontius Pilatus, als er Jesus verhörte. Gibt es überhaupt “die Wahrheit”? Wenn ja, sind wir imstande, diese in vollem Umfang zu erkennen, oder sehen wir maximal einen Teilausschnitt? Existiert die “objektive Wahrheit” oder schaffen wir Menschen uns ohnehin immer nur unsere eigene subjektive Wahrheit? Wenn ich für mich die Wahrheit gefunden habe, wie gehe ich dann mit den Wahrheiten der anderen um, wenn diese sich von meiner unterscheiden oder sogar im Widerspruch zu ihr stehen?

Ich glaube nicht, dass es einfache Antworten auf diese Fragen gibt. Wenn ich hier nun meine Sicht der Dinge darlege, dann resultiert diese aus den gewachsenen Erkenntnissen meiner gelebten Erfahrungen.

Bevor ich loslege kommt noch ein Hinweis: Einiges aus diesem Beitrag könnt Ihr nur verstehen, wenn Ihr die Geschichte aus “Die Wahrheit (Teil 1) - Die Fenster des Turmes” gelesen habt. Falls Ihr das noch nicht getan habt, solltet Ihr Euch diesen Beitrag zuerst ansehen, anschließend “Die Wahrheit (Teil 2) - Das spirituelle Outing” und erst danach hier weiterlesen.

Als ich etwa 30 Jahre alt war, entdeckte ich meine Leidenschaft fürs Reisen. Die ersten zehn Jahre hatte ich eine besondere Vorliebe für “Rucksackreisen”, bei denen ich kreuz und quer durch verschiedene Länder zog. Neben zahlreichen Touren in Europa war ich auch vier Mal in Nordafrika, zwei Mal in Lateinamerika und außerdem in den USA, Thailand und Israel. Wenn ich an meine Erlebnisse auf einer nahezu einsamen Insel zwischen Kreta und Libyen denke, oder meine Rafting-Tour durch den Dschungel Costa Ricas, bekomme ich leuchtende Augen. Manchmal hatte ich das Glück, Dinge zu erleben, zu denen “normale” Touristen keinen Zugang haben. In Mexiko lernte ich Einheimische kennen. Ich durfte bei ihnen wohnen und nahm am mexikanischen Alltagsleben teil.

Sphinx und PyramidenTotal abgefahren war mein Urlaub in Ägypten. Als einziger Ausländer fuhr ich in einem Bus von Kairo ans Rote Meer. Neben mir saß ein junger Ägypter namens Hassan, der beruflich in Hurghada zu tun hatte. Er traf sich dort mit zwei Architekten, die für dieselbe Firma arbeiteten wie er. Abends saß ich mit den drei Ägyptern zusammen, und einer von ihnen forderte mich auf, etwas Musik zu machen, weil ich meine Gitarre dabei hatte. Ich spielte ein paar Songs, und die Jungs waren begeistert. Hassan machte mir einen Vorschlag, den ich nicht ablehnen konnte. Ich sollte mit meiner Musik auf der Hochzeit eines Freundes auftreten.

Meine geplante Tour in den Süden Ägyptens verkürzte ich um einige Tage, damit ich wieder rechtzeitig für die Hochzeitsfeier in Kairo war. Was ich dann erlebte, werde ich nie vergessen. Mein Auftritt bestand aus mehreren kurzen Sets und ich spielte im Wechsel mit einer arabischen Band. Das Publikum war bei meinen Liedern total aus dem Häuschen. Besonders bei “La Bamba” flippten sie regelrecht aus. Ich gab mindestens vier Zugaben. Die Leute riefen zwischendurch immer wieder “Arriba”, und ich wusste, jetzt wollten sie schon wieder “La Bamba” hören. Möglicherweise war es einer meiner besten Auftritte, mit Sicherheit aber der außergewöhnlichste. Aber unabhängig von der Musik, war es für mich ein einmaliges und unvergessliches Erlebnis, auf dieser ägyptischen Hochzeit mitfeiern zu dürfen.

Die letzten 1 ½ Wochen meines Urlaubs verbrachte ich in Kairo. Hassan lud mich ein, währenddessen bei seiner Familie zu wohnen. Auch diese Tage werden immer in meiner Erinnerung bleiben. Zum einen war ich sehr berührt von der unglaublichen Gastfreundschaft seiner Familie und den Spaß, den wir miteinander hatten. Außerdem hatte ich noch nie vorher in so kurzer Zeit so viele interessante Gespräche. Eines der Hauptthemen war die politische Situation im Nahen Osten. Ich war gerade zu der Zeit in Ägypten, als kurz zuvor der Irak seinen Nachbarstaat Kuwait überfiel. In allen Diskussionen gab es niemanden, der das Verhalten Saddam Husseins billigte - ganz im Gegenteil: Die Ägypter waren einhellig der Meinung, dass das Verhalten Husseins nicht nur falsch war, sondern Schande über die gesamte islamische Welt brachte.

Das absolute Topthema in unseren Diskussionen war allerdings die Religion. Mir wurden überaus viele Fragen über den christlichen Glauben gestellt, und ich erhielt meinerseits einen guten Einblick über den Islam. Wir fanden manche Gemeinsamkeiten und stellten auf der anderen Seite deutliche Unterschiede in unseren religiösen Auffassungen fest. Auch wenn wir nicht immer mit der Position unseres Gegenübers einverstanden waren, verliefen unsere Diskussionen immer friedlich und waren von gegenseitiger Achtung und Respekt gekennzeichnet.

Selbst mein leidenschaftlicher Disput mit einem Imam stellte kein Problem dar, und wir konnten uns trotz unterschiedlicher Ansichten anschließend wieder freundschaftlich trennen. Ich habe aus diesen Gesprächen vor allem eines mitgenommen: Trotz unterschiedlicher und sogar gegensätzlicher Positionen kann man viel voneinander lernen, wenn man offen für den anderen ist.

Uns Deutschen werden im Allgemeinen Tugenden wie Disziplin, Produktivität und ein hohes Maß an planerischem und organisatorischem Geschick nachgesagt. Auf der anderen Seite werden wir im Ausland oft als stur, unflexibel und verbissen gesehen. Nun ja, ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen und habe dadurch natürlich eine ordentliche Portion gesellschaftlicher und kultureller Prägung abbekommen. Daran ist im Grunde nichts verkehrt, und diese Prägung bestimmt einen Teil meiner Identität.

Wenn ich als Deutscher auf meinen Reisen in fremde Kulturen eintauche, dann kann ich dadurch meinen eigenen Horizont maßgeblich erweitern. Vieles, was ich in anderen Ländern erlebt habe, hat mein eigenes Leben positiv beeinflusst, sei es die arabische Gastfreundschaft, die strahlende Laune der Menschen Südostasiens, oder die heitere Leichtigkeit des Life-Styles Lateinamerikas. Werde ich dadurch selbst zum Ägypter oder Thailänder? Wenn ich einiges aus anderen Kulturen übernehme, verliere ich dadurch meine Identität als Deutscher? Nein, auf keinen Fall!

Wende ich jedoch das gleiche Prinzip auf meine Spiritualität an, wird das komischerweise von einigen “frommen Christen” nicht akzeptiert. Da ist dann von “Religionsvermischung” die Rede, oder von einer angeblich unklaren Position gegenüber denen, welche “die Wahrheit des christlichen Glaubens” nicht erkannt haben. Dieser Tunnelblick hat aber nach meiner Auffassung nichts mit dem ursprünglichen Wesen des christlichen Glaubens zu tun, sondern mehr mit dem Pharisäertum, das auf die “Reinheit der eigenen Lehre” besonderen Wert legte.

Meine Identität als Deutscher bleibt unverändert, wenn ich von anderen Kulturen lerne und einige ihrer Verhaltensweisen übernehme. Genauso bleiben meine spirituellen Wurzeln in Christus begründet, auch wenn ich gerne über den Tellerrand schaue, von anderen Weltanschauungen lerne und sich mein eigenes Weltbild dadurch erweitert. Wir sollten uns dessen bewusst sein, dass wir immer nur ein Teil des Ganzen erkennen können. Paulus hat das im 1. Korintherbrief sehr treffend ausgedrückt:

“Denn unsere Erkenntnis ist bruchstückhaft ebenso wie unser prophetisches Reden. Wenn aber das Vollkommene - das Reich Gottes da ist, wird alles Vorläufige vergangen sein. Als Kind redete, dachte und urteilte ich wie ein Kind. Jetzt bin ich ein Mann und habe das kindliche Wesen abgelegt. Noch ist uns bei aller prophetischen Schau vieles unklar und rätselhaft. Einmal aber werden wir Gott sehen, wie er ist. Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke, doch einmal werde ich alles klar erkennen, so deutlich, wie Gott mich jetzt schon kennt.”

Der etwas andere BlickwinkelDu kannst Dich drehen und wenden, wie Du willst: Aus Deiner Perspektive heraus gelingt es Dir immer nur einen Bruchteil des Gesamten zu erkennen. Leider machen manche aber häufig den Fehler, diesen Teilausschnitt für das Ganze zu halten und alle übrigen Perspektiven als falsch darzustellen. Die Menschen in der Geschichte “Die Fenster des Turmes” haben anfangs nur die eigene Position verteidigt und die der anderen abgelehnt. Im Laufe der Zeit haben sie sich für die Möglichkeit geöffnet, dass die Kollegen noch etwas sehen könnten, was sie aus ihrem eigenen Blickwinkel heraus nicht erfassen konnten. Zuletzt haben sie sogar soviel Vertrauen zueinander entwickelt, dass sie gemeinsam eine Leiter zum Himmelsfenster gebildet haben, und sie konnten so für einen Moment die gesamte Landschaft betrachten.

Ich glaube an Gott und an Jesus Christus. Es ist die Wahrheit, eine vorzügliche Wahrheit - die Wahrheit eines Fensters. Ich freue mich darauf, immer mehr über die Dinge zu erfahren, die man durch die anderen Fenster sehen kann.

Fotos © PIXELIO
“Sphinx und Pyramiden” von Irene Lehmann

“Der etwas andere Blickwinkel” von Ulla Trampert

Donnerstag, 24. April 2014

Die Wahrheit (Teil 2) - Das spirituelle Outing

Keine Angst - dieser Weblog ist nicht zu einem spirituellen Blog mutiert und es sollen hier auch in Zukunft weder religiöse, noch esoterische Themen im Vordergrund stehen. Trotzdem gehört Spiritualität und ein Leben mit Gott für mich genauso zum Mensch sein, wie zwischenmenschliche Beziehungen und Politik. Vor Ostern gab es meine “Gedanken zum Karfreitag” und nun bringe ich noch einige Aspekte über den Glauben. Außerdem habe ich manchmal einfach Lust, über die Dinge zu schreiben, die mich gerade gedanklich beschäftigen. Es kann aber auch sein, dass ich mit anderen interessante Diskussionen führe und die daraus entstehenden Aspekte der Öffentlichkeit zugänglich machen möchte. Dieser Beitrag ist ein Mix aus beidem und beantwortet außerdem oft gestellte Fragen zu meiner Spiritualität mit einem “Rundumschlag”.

TagesthemenWenn ich meine spirituelle Identität in wenigen Worten zusammenfassen soll, wähle ich die Beschreibung “ein Christ, der gerne über den Tellerrand blickt”. Ich bin mir aber dessen bewusst, dass die Begriffe “Christ” und “Tellerrand” vielfältige Assoziationen hervorrufen. Deshalb erläutere ich etwas genauer, was das für mich bedeutet und grenze mich gleichzeitig von denjenigen ab, die diese Begriffe ebenfalls verwenden, aber etwas anderes darunter verstehen. Es gibt Leute, die sich als “Christ” bezeichnen und mit denen ich ungefähr so viele Gemeinsamkeiten habe, wie Dieter Bohlen mit dem Papst.

“Christ sein” hat für mich nicht in erster Linie etwas mit der Zugehörigkeit zu einer Kirche oder Denomination zu tun. Albert Schweitzer hat mal gesagt: “Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht.” “Christ sein” wird ebenfalls nicht durch meine ethischen und moralischen Werte bestimmt. Ich bin nicht deshalb Christ, weil ich irgendeiner Hilfsorganisation etwas spende, oder mich an einem sozialen Projekt beteilige. Ich bin auch nicht Christ, weil ich die Gebote einhalte und mich an vorgegebene Normen und Regeln halte. Nein, “Christ sein” wird durch etwas anderes definiert.

HoffnungInteressant ist in dem Zusammenhang, warum Menschen das erste Mal als “Christen” bezeichnet wurden. In der Antike gab es eine Stadt namens Antiochia. Diese lag in einem Gebiet, welches damals zu Syrien gehörte und heute ein Teil der Türkei ist. In Antiochia lebte im ersten Jahrhundert eine Gemeinschaft von Gläubigen, welche von Außenstehenden “Christen” genannt wurden. An der Art und Weise, wie sie lebten, konnte man sehen, dass sie sich am Leben und der Lehre des Jesus Christus orientierten. Bemerkenswert dabei ist, dass sie sich nicht selbst so nannten, sondern von anderen sozusagen dieses “Prädikat” erhielten.

Jesus selbst hat darauf hingewiesen, dass die Welt seine Nachfolger an der gelebten Liebe erkennen wird. Die Liebe bezeichnete er als das höchste Gebot und sie geht dabei in drei Richtungen: Liebe zu Gott, Liebe zu den Mitmenschen und Liebe zu sich selbst. In das Gebot der Liebe sind alle anderen Gebote eingeschlossen. Paulus hat das in seinem Brief an die Römer folgendermaßen ausgedrückt:

“Seid niemand etwas schuldig, als dass ihr einander liebet; denn wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn die Forderung: ‘Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, lass dich nicht gelüsten’ und welches andere Gebot noch sei, wird zusammengefasst in diesem Wort: ‘Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!’ Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses; so ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.”

Anders ausgedrückt: Wenn Du von der göttlichen Liebe erfüllt bist und Deinen Nächsten liebst wie Dich selbst, brauchst Du Dich nicht mehr bemühen, irgendwelche anderen Gebote einzuhalten. Du tust dann automatisch das Richtige! Wenn Du diese Liebe nicht lebst, dann ist das Einhalten der übrigen Gebote sowieso für’n A… und alle religiösen Anstrengungen kannst Du auch gleich in die Tonne kloppen. Paulus hat das im 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes hervorragend zum Ausdruck gebracht. Dieser Text ist wunderschön und es lohnt sich unbedingt, ihn zu lesen. Wenn Ihr hier klickt, findet Ihr eine besonders poetische Übersetzung.

Was viele, die sich “Christen” nennen, vom 4. Jahrhundert an bis in die heutige Zeit praktizieren, hat leider wenig mit dem zu tun, was Jesus und die ersten Christen gelebt haben. Das dunkelste Kapitel der Kirchengeschichte war sicherlich das Mittelalter mit seinen Kreuzzügen, Hexenverbrennungen und Inquisitionen. Es ist so etwas von widersinnig, dass man diese Taten im Namen Christi beging und damit im krassesten Widerspruch zu seiner Lehre stand, wie man sich das überhaupt vorstellen kann.

Auch wenn es heute vielleicht nicht mehr so gewaltsam zugeht wie damals, haben sich kirchliche Lehren bis zum heutigen Tage gehalten, die Jesus selbst nie und nimmer gewollt hat. Quer durch die Bank aller Konfessionen findet man Gemeinden, die von ihren Gläubigen die Einhaltung religiöser Normen fordern und jene ächten, die ihrem Bild eines guten Christen nicht entsprechen. Das eigene Weltbild wird mit Bibelstellen untermauert, die teilweise völlig sinnentstellt aus dem Kontext gerissen wurden. Diese Menschen merken entweder überhaupt nicht, dass sie mit dieser Interpretation konträr zu den Grundaussagen von Jesus Christus stehen, oder sie setzen diese Strategie aus machtpolitischen Beweggründen sogar bewusst ein.

Hauptverursacher dieses Dilemmas ist meiner Ansicht nach der Katholizismus. Meine Kritik richtet sich dabei nicht gegen die katholischen Gläubigen. Ich habe Katholiken kennengelernt, welche die genannte Liebe praktizieren und ihren Glauben vorbildlich leben. Auch einer meiner Lieblingsautoren kommt aus der “katholischen Ecke” - der Franziskaner Richard Rohr, der hervorragende Bücher wie “Der nackte Gott - Plädoyer für ein Christentum aus Fleisch und Blut” geschrieben hat. Aber die “katholische Geschäftsleitung” ist mir äußerst suspekt. Dieser Absolutheitsanspruch und die Politik der Ausgrenzung finde ich persönlich äußerst “unchristlich”. Hier ist ein Beispiel aus dem Katechismus der Katholischen Kirche:

Riegel“Darum können jene Menschen nicht gerettet werden, die sehr wohl wissen, dass die katholische Kirche von Gott durch Jesus Christus als eine notwendige gegründet wurde, jedoch nicht in sie eintreten oder in ihr ausharren wollen. Diese Feststellung bezieht sich nicht auf solche, die ohne ihre Schuld Christus und seine Kirche nicht kennen: Wer nämlich das Evangelium Christi und seine Kirche ohne Schuld nicht kennt, Gott jedoch aufrichtigen Herzens sucht und seinen durch den Anruf des Gewissens erkannten Willen unter dem Einfluss der Gnade in den Taten zu erfüllen versucht, kann das ewige Heil erlangen.”

Wenn ich die Sache richtig verstehe, dann lehrt die katholische Kirche folgendes:
  1. Katholische Gläubige können das ewige Heil erlangen.
  2. Menschen, die das Evangelium Christi und die katholische Kirche nicht kennen, können das Heil ebenfalls erlangen, allerdings nicht durch Eintritt in die Kirche, sondern durch den Versuch, gute Taten zu vollbringen.
  3. Menschen, welche die katholische Kirche kennen, aber nicht zu ihr gehören, können nicht gerettet werden. Da ist es dann wurscht, wie die Taten oder die Beziehung zu Christus aussehen. Biste kein Mitglied der katholischen Kirche, dann bedeutet das aus und vorbei - keine Chance!

Au Backe - sollten die Katholiken das wirklich so sehen, dann finde ich das sehr bedenklich – äußerst bedenklich!

Nun, ich will hier nicht zuviel auf den “Katholen” rumhacken. Die protestantischen Kirchen schneiden im Vergleich zwar besser ab, aber auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt. Ich habe bereits in meinem Beitrag “Religiöser Muff oder gelebter Glauben, der vom Hocker reißt” über eine hammermäßig gute Kirchengemeinde aus Ostwestfalen berichtet, und ich kenne auch in anderen Teilen Deutschlands tolle Gemeinden. Aber gerade im frommen Siegerland bin ich in einer Ortsgemeinde der evangelischen Kirche mit Verhaltensweisen konfrontiert worden, die den Charakter einer “mittleren Katastrophe” haben.

Neben den beiden großen Landeskirchen gibt es in Deutschland noch eine Vielzahl von Freikirchen. Diese sind manchmal “lebendiger” und “nicht so steif”. Sie erwecken zwar den Eindruck, dass sie sich deutlich vom Katholizismus abgrenzen, aber auch dort findet man eine Menge starre Dogmatik. Viele dieser Gemeinden sind von ihrer Ausprägung “katholischer”, als sie sich das selbst vorstellen können oder wahrhaben wollen.

Auch wenn die meisten Kirchen sehr deutlich betonen, dass sie ihren Glauben auf Jesus Christus und die Bibel gründen, ist es dennoch eine Tatsache, dass ein großer Teil ihrer Lehre aus kirchlichen Dogmen besteht, die erst nach dem 3. Jahrhundert von der katholischen Kirche festgelegt wurden und die man bewusst oder unbewusst übernommen hat. Nein, mir geht es hier nicht um einen Verriss und ich sage auch nicht, dass das alles schlecht ist. Ich finde es nur bedenklich, wenn man bestimmte Dogmen in sein Glaubenskonzept einbaut und später dann unreflektiert behauptet wird, diese Lehren stammen von Gott und sind unfehlbar. Diese Dogmen werden zum Maßstab erkoren, um zu beurteilen, was richtig und falsch, gut und böse ist. Alles, was nicht in diesen Rahmen hinein passt, wird als “nicht göttlich” und manchmal sogar als “teuflisch” abgelehnt.

Es gibt ein eigenartiges Phänomen in der christlichen Welt. Einige Gemeinden haben in ihrer Verkündigung gute Ansätze und sprechen von der Liebe Gottes, von Barmherzigkeit und von Vergebung. Wenn man aber etwas näher hinschaut, entdeckt man die Verknüpfung einer guten christlichen Grundhaltung mit einer extremen religiösen Gesetzlichkeit. Das Resultat ist dann so ein “kraftloser Christenmischmasch”.

Diese Kraftlosigkeit versucht man durch den erhobenen moralischen Zeigefinger zu kompensieren. Da wird den “Schäfchen” gesagt, was sie angeblich alles falsch machen und wie sie sich richtig zu verhalten hätten. Handeln diese aber nicht normgerecht, müssen die Gemeindeglieder “ermahnt” werden, wie man in diesen Kreisen sagt. Schafft man es, die aus der Spur gelaufenen durch “Ermahnung” zur “Buße” zu bewegen um somit eine Verhaltensänderung zu bewirken, ist wieder alles klar.

Aber wehe, die “Schäfchen” hinterfragen die aufgestellten Normen kritisch oder sie machen ihre eigenen Erfahrungen mit Gott, die mit denen der “Hirten” nicht übereinstimmen. Nicht selten wird ihnen dann gesagt, diese Erfahrungen können unmöglich von Gott stammen. Weil sie sich ja nicht an die Normen hielten, würde sie in “Sünde” leben und deshalb könne Gott sie auch nicht segnen. Diese “Hirten” nennen sich zwar Christen, haben aber von der Botschaft des Evangeliums soviel Ahnung, wie die Kuh vom Eislaufen.

Diese bescheuerten Verhaltensweisen kann man leider in allen Konfessionen entdecken – ob Katholiken, Protestanten, Mennoniten, Baptisten oder Pfingstgemeinden. Es gibt allerdings deutliche Unterschiede in der Ausprägung. Bei einigen Gemeinderichtungen ist das nicht generell der Fall und es wird in den einzelnen Ortsgemeinden unterschiedlich gehandhabt. In anderen Gemeindeverbänden ist es dafür gang und gäbe. Manchmal ist in den Gemeindestatuten sogar von “Gemeindezucht” die Rede und es werden Gemeindeglieder ausgeschlossen, die sich nicht an den vorgegebenen Verhaltenskodex halten.

Ob man das Verhalten eines anderen als fehlerhaft betrachtet, ist ohnehin subjektiv. Aber selbst dann, wenn es ein Fehler sein sollte, hat weder ein geistlicher Führer noch jemand sonst das Recht auf ein derartiges Disziplinieren.

Wie haben es die ersten Christen denn damals gehalten? Lassen wir dazu doch erneut den “guten alten Paule” zu Worte kommen. Er schreibt in seinem Brief an die Galater: “Liebe Brüder, so ein Mensch etwa von einem Fehler übereilt würde, so helfet ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.”

Da ham wir’s doch! Es geht also nicht darum, dem anderen einen “drüber zu geben”, sondern ihm zurecht zu helfen. Die Einstellung ist wichtig dabei (mit sanftmütigem Geist). Auch wenn das Problem für einen Einzelnen schwerwiegend ist, gemeinsam packen wir’s! (Einer trage des andern Last!) Auf diese Weise erfüllen wir das Gesetz Christi - also das Gesetz der Liebe! Und damit schließt sich der Kreis und wir sind wieder beim zentralen Punkt des Evangeliums.

Ich bin Christ und ich bin es gerne! Ich glaube aber nicht an einen Gott, der auf einer Wolke sitzt und die Punkte zählt. Bekomme ich genug Punkte zusammen, dann habe ich mir den Himmel “verdient”. Jede Übertretung (oder Sünde) gibt Punktabzug. Das alles ist totaler Blödquatsch!

Berühr mich!Ich glaube an einen Gott der Liebe, der es wohlwollend mit mir meint. Seine göttliche Liebe erfüllt mein Leben. Diese Liebe macht aus mir keinen “frommen Dogmatiker”, sondern einen “Liebenden”, der sich auch selbst geliebt weiß. Die Liebe und Christus sind für mein Leben als Christ unverzichtbar. Über alles andere kann diskutiert werden. Vieles kann hilfreich sein, aber nichts ist zwingend erforderlich. Manches “fromme Getue” ist aber keineswegs hilfreich.

Wir sollten uns fragen, ob die Dinge uns frei oder abhängig machen. Dabei ist es egal, ob sich die Abhängigkeit auf religiöse Führer oder auf kirchliche Lehren bezieht. Eine Religion oder Glaubensgemeinschaft, die ihre Anhänger nicht zur Freiheit, sondern stattdessen in die Abhängigkeit führt, hat keine Daseinsberechtigung. Ein guter Glaube macht frei und hat stets die Liebe im Zentrum.

Liebe bewahrt auch vor einem “Tunnelblick” und ermöglicht es, “über den Tellerrand” zu blicken. Doch davon mehr im nächsten Beitrag.

Fotos ©  PIXELIO
“Tagesthemen” von Kurt Michel
“Hoffnung” von Margot Kessler

“Riegel” von Andrea Kusajda

“Berüh mich!” von knipseline

Dienstag, 22. April 2014

Die Wahrheit (Teil 1) - Die Fenster des Turmes

Draußen vor der Stadt wurde vor undenklichen Zeiten ein Turm gebaut, siebenundsiebzig Meter hoch und mit sieben Meter dicken Mauern. Dieser viereckige Turm aber steht in einer seltsamen Landschaft. Denn nach Norden zu liegt ein Meer, nach Osten fruchtbares, bebautes Land, nach Süden eine Wüste und nach Westen üppiger Wald. In diesen Turm werden immer vier Menschen zugleich gebracht, mit verbundenen Augen und im geschlossenen Wagen. Und sie werden die Wendeltreppe des Turmes hinaufgeführt bis zu dem einzigen Raum direkt unter der Kuppel. Dieser Raum hat fünf Fenster, eines nach Norden, eines nach Osten, eines nach Westen und eines nach Süden, das fünfte aber ist ganz oben in der Kuppel.

Zu jedem der vier Fenster wird nun ein Mensch gebracht. Versucht aber einer von ihnen zu einem anderen zu gelangen, so kann er immer nur bis zur Mitte des Raumes gehen. Dort können die vier sich treffen, die Grenze zum nächsten aber kann keiner durchbrechen.

So sehen sie aus ihrem Fenster und der Erste sagt: “Wie schön der Wald ist und wie viele Vögel sich darüber schwingen!” “Nein, das stimmt nicht”, sagt der Gegenüberliegende, “der Turm steht inmitten fruchtbarer Felder. Bald wird das Getreide reif sein zur Ernte.”

Da lacht der vom Südfenster: “Ihr träumt wohl beide, das wäre ja fast eine Fata Morgana. Nichts ist vor dem Fenster, nichts als Sand und Steine!” Der vom Nordfenster schüttelt den Kopf: “Ihr irrt euch alle, vor dem Turm liegt das Meer!” Keiner glaubt dem anderen, jeder hat Recht.

Manchmal ist einer so fleißig und er kriecht durch die dicke Mauer bis vor zum Fenster, ja er beugt sich sogar noch hinaus. Und er kann ein klein wenig sehen, ein winziges Stück Land, das rechts von seinem Fenster liegt, und ein winziges Stück Land, das links von seinem Fenster liegt, so kann er erahnen, dass seine Nachbarn die Wahrheit sagen, und ihnen glauben; vom Menschen gegenüber aber kann er gar nichts erfassen. Ihm kann er nur vertrauen, dass er die Wahrheit sagt. Aber wer kann glauben, dass auf der einen Seite ein Meer, auf der anderen Seite eine Wüste ist?

Trotzdem gelingt es immer wieder, dass die vier Menschen so viel Geduld und Zutrauen zueinander entwickeln, sodass sie sich in der Mitte treffen und dort nacheinander alle vier aufeinander steigen, um so durch das Himmelsfenster sehen zu können. Und damit gewinnen sie Glauben. Denn für einen Augenblick kann jeder nach allen Himmelsrichtungen schauen, die Wüste erkennen, das Wasser, die fruchtbaren Äcker und den stillen Wald.

Jetzt glauben sie einander, können Vertrauen gewinnen und Frieden. Der König freut sich und lädt alle ein, in seiner Stadt zu wohnen.

Quelle: Gerhild Pröls 

Foto © :tino / PIXELIO

Donnerstag, 17. April 2014

Das Kreuz - Gedanken zum Karfreitag (Teil 2)

Während der erste Teil dieses Thema ziemlich theoretisch und theologisch war, dann geht es im zweiten Teil um eine gewaltige persönliche Herausforderung. Sie geht “unter die Haut”, wenn man sie richtig begriffen hat.

Vor einigen Jahren hatte es mich kurz vor Weihnachten umgehauen, und ich war zwei lang Wochen krank. An dem schlimmsten Tag meiner Krankheit befand ich mich mit Fieber in einer Art “Dämmerzustand”. Mein Verstand funktionierte nicht mehr in der üblichen Weise und trotzdem, oder vielleicht sogar gerade deshalb, erreichte meine Sinne ein Bild, das mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. Ich kannte die Geschichte von der Kreuzigung sehr gut und war imstande, alle Einzelheiten und Aussagen wiederzugeben. Trotzdem kam es mir so vor, dass ich an diesem Tag zum ersten Mal erfasst habe, was “Vergebung” wirklich bedeutet.

Jesus hat am Kreuz gerufen: “Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!”  Wieso sollten die beteiligten Römer und Juden denn nicht gewusst haben, was sie tun? Waren die denn blöd, oder was? Sie hatten einen Mann hingerichtet, der sich nie etwas zu schulden kommen ließ, Menschen in Not half und die Liebe auf eine Weise lebte, wie es sie kein zweites Mal gab. Ganz so einfach ist das aber nicht. Wenn wir dieses Ereignis aus der Distanz betrachten, ist es nicht schwer zu einer realistischen Einschätzung des Sachverhaltes zu kommen.

Die beteiligten Menschen jedoch hatten aufgrund verschiedener Einflüsse eine verzerrte Wahrnehmung. Es gab einige Drahtzieher, denen es gelang, das Volk gegen Jesus aufzuwiegeln. Es fing im Kleinen an und führte dazu, dass bald überall die Rufe “Kreuzigt ihn, kreuzigt ihn!” erklangen. Sie wirkten als Suggestion wie eine Gehirnwäsche. Vielleicht haben die römischen Oberbefehlshaber ihren Soldaten vermittelt, dass Jesus für das Imperium eine Gefahr darstellt und als Verräter und Volksverführer seiner gerechten Strafe nicht entgehen durfte. Die ausführenden Menschen waren davon überzeugt, etwas Gutes und Richtiges zu tun, und waren sich der Tragweite ihres Handelns nicht bewusst. Ihr Handeln mag böse gewesen sein, ihre Motive waren es jedoch nicht. Jesus wusste das genau als er rief: “Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!” Er selbst hatte ihnen in diesem Moment bereits vergeben.

Was fangen wir nun mit dieser Erkenntnis an? Wie integrieren wir Karfreitag in unser eigenes Leben? Vergeben zu können ist auf jeden Fall gut, das war mir auch schon früher bereits klar. Durch meine Vergebung geht es mir selbst besser und auch dem Menschen, dem ich vergebe. Ich muss mir allerdings eingestehen, dass es mir oft einfach nicht gelang. Es schien so unsagbar schwer, das konsequent zu praktizieren.

Um zu verdeutlichen, warum das so ist, möchte ich Euch zu einem Experiment einladen. Stellt Euch eine Situation vor, in der ihr unter dem Handeln eines anderen Menschen gelitten habt. Dann sagt Ihr den Satz: “Dieser Mensch hätte anders handeln können und müssen. Er hat mir absichtlich wehgetan”. Beobachtet dann, was mit Euren Gefühlen passiert. Wenn Ihr genau darauf achtet, werdet Ihr sogar körperliche Symptome wahrnehmen.

Bringt Euch danach in einen einigermaßen neutralen Emotionszustand. Dann begebt Ihr Euch in genau die gleiche Situation, sprecht aber etwas anderes zu Euch: “Dieser Mensch konnte nicht anders handeln. Er hat sein Bestes gegeben und hat mir zu keinem Zeitpunkt schaden wollen. Es wusste nicht, dass er mir weh tut und deshalb trifft ihn keine Schuld.” Spürt Ihr den gewaltigen Unterschied in Euren Gefühlen?

Richtig vergeben könnt Ihr nur, wenn Ihr Euer Urteil zurücknehmt. Eure Gefühle sind bisher immer davon ausgegangen, der andere sei ein richtiges A… und wollte Euch absichtlich etwas Böses antun. Das ist aber ein Beurteilungsfehler. Ich möchte jetzt nicht missverstanden werden: Das hier soll keine Aufforderung sein, eine falsche Handlung oder eine verletzende Tat zu verleugnen oder schön zu reden. Es geht darum, zu verinnerlichen, welches Motiv hinter dem Handeln steht. Viele Menschen machen grobe Fehler, wollen aber eigentlich etwas Gutes bezwecken. Sie sind sich der Tragweite Ihres Handelns nicht bewusst, genauso wie die Menschen, die Jesus ans Kreuz geschlagen haben. Wenn Ihr diese Erkenntnis beherzigt, erlebt Ihr eine emotionale Revolution und Ihr werdet feststellen, dass Vergebung möglich ist.

Fotos © : Dieter Schütz / PIXELIO

Mittwoch, 16. April 2014

Das Kreuz - Gedanken zum Karfreitag (Teil 1)


 “Mich würde auch interessieren, da heute Karfreitag ist, was für Dich die Kreuzigung symbolisiert …”, das schrieb mir eine Bekannte. Als ich meine Gedanken dazu sammelte, kam so viel dabei heraus, dass ich nun daraus zwei Blogbeiträge mache. Alle Aspekte hier aufzuzeigen, würde den Rahmen sprengen, daher beschränke ich mich auf die beiden, die für mich momentan die bedeutsamsten sind.

Wenn man mich früher gefragt hat, ob ich religiös bin, habe ich das verneint. Ich habe meistens geantwortet, dass ich an Gott glaube, aber mich nicht als religiöser Mensch bezeichnen würde. Seit ich mich mit der eigentlichen Bedeutung des Wortes “Religion” auseinander gesetzt habe, sehe ich das anders. Re-ligio heißt wörtlich übersetzt Rück-Verbindung. Der ursprüngliche Zustand war demnach Einheit, erfuhr dann eine Form des getrennt seins und wird durch Re-ligio wieder miteinander verbunden.

Vor Jahren habe ich mal ein Buch gelesen, in dem Jesus als der zweite Mensch bezeichnet wurde. Der erste Mensch war Adam. Den Gedanken findet man auch an zwei Stellen in der Bibel, es wird dort nur ein wenig anders ausgedrückt. Der erste Mensch hat die Trennung verursacht, und der zweite Mensch hat die Einheit wieder hergestellt. Beide hatte ihre freie Entscheidung. Adam hat sich dazu entschlossen, den Zustand des getrennt seins zu erleben und dieser wird als “Sünde” bezeichnet. Dieser Begriff ist nicht ganz unproblematisch. Wenn man die Leute fragt, was sie unter Sünde verstehen, kommen Antworten wie Böses tun, Unmoral oder sexuelle Verfehlungen. Man erinnert sich an die “sieben Todsünden” oder an den Spruch aus der Kindheit “Brot wegwerfen ist Sünde”. Vergesst es - das alles hat hier nichts zu suchen.

Im griechischen Urtext der Bibel steht für Sünde das Wort "hamartia" (αμαρτια). Es bedeutet so viel wie “nicht treffen” oder “ein Ziel verfehlen”. Das Ziel unseres Menschseins ist die Einheit. Leben wir im getrennt sein, haben wir dieses Ziel verfehlt. Sünde bedeutet nicht mehr und nicht weniger und hat nichts mit einer ethischen Moralvorstellung zu tun.

Viele Leute glauben, man müsste ein “guter Mensch” sein, alle Gebote einhalten und wird dann mit dem Himmel belohnt, während alle Bösewichte und Sausäcke ins Fegefeuer geschmissen werden. Da sitzt ein Gott auf einer Wolke und zählt unsere Punkte, aber verrät keinem, ob man genug gesammelt hat oder nicht. Leute, das ist totaler Käse! Es hat mit dem ursprünglichen christlichen Gedanken überhaupt nichts zu tun. Irgendwelche Kirchenfuzzis haben im Mittelalter ihre Schäfchen mit diesen Lehren verblödet und das als Machtinstrument missbraucht.

Im Mittelalter gab es einen Mann namens Martin Luther, der das geschnallt und ordentlich auf den Putz gehauen hat. Leider haben viele seiner Anhänger das aber trotzdem nicht so richtig kapiert und deshalb gab es immer wieder mal kleinere Reformationen. Wenn ihr mich fragt, wir könnten heute auch mal wieder eine gebrauchen, um den ganzen frommen Muff wieder in Richtung Leben und Lehre Jesu zu lenken.

Nun kommt der Spiegelbegriff der Sünde ins Spiel: “Erlösung”. Der Mensch wird aus dem Zustand des getrennt seins “gelöst” und erhält den Zugang zur Einheit. Jesus sagte: “Ich und der Vater sind eins!” Er war sich der Einheit mit Gott bewusst und hat sie gelebt. Das Kreuz ist das Symbol der Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch. Wir haben Zugang zur Einheit mit Gott. Ob wir den Zustand der Einheit oder lieber den Zustand des getrennt seins erfahren wollen, können wir selbst entscheiden!

Foto © : Petra Bork / PIXELIO

Donnerstag, 2. Januar 2014

Altes Jahr raus und neues Jahr rein - gute Vorsätze müssen her, oder?

Diesen Rutsch ins neue Jahr habe ich nie verstanden, rein wissenschaftlich gesehen ist es doch nur ein Datumswechsel. Die Chinesen feiern das neue Jahr meines Wissens nach im Februar, also was ist das Besondere an diesem Tag?

Sind es die guten Vorsätze, die vielen Wünsche und positiven Absichten, die wir daran binden? Sind es die Erwartungen?

Wer kennt das nicht: Die Vorsätze sind gut und nach Mitternacht oft schnell vergessen oder gebrochen. Wir stellen ständig Erwartungen, an Situationen, an andere Menschen und nicht zuletzt an uns selbst und das LEBEN.

Was, wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden? Dann sind wir vom Leben, den Leuten oder uns selbst enttäuscht. Wie reagieren wir dann? Sind wir dann gerecht mit uns und den anderen?
Eine zu hohe Erwartungshaltung kann uns viele schöne Situationen kaputt machen. Wer von uns ist perfekt? Und wer von uns denkt er müsse der perfekte Mensch sein, ein(e) perfekte(r) Mutter/Vater, ein(e) perfekte(r) Ehefrau/Ehemann oder Gastgeber(in)? Was erwarten wir von uns? Oft zuviel und wenn wir oder die anderen dies nicht erfüllen können sind wir enttäuscht.

Ich esse gern thailändisch. Thailänder schärfen das Essen oft so gut, dass es ein Genuss ist für mich. Ich mag es wenn sich die frischen Gewürze zu einem Gaumenfeuerwerk in meinem Mund entzünden. Man schmeckt die Kokosmilch, das Zitronengrass und andere Gewürze und auf einmal wird es scharf im Mund, aber nur so stark, dass es nach wenigen Sekunden wieder neutral wird. Wenn ich allerdings etwas zu viel Chili nehme, dann brennt der Mund danach so stark … ich nehme dann keine Nuancen mehr wahr oder wenn es sehr viel schärfer ist, dann schmecke ich gar nichts mehr. Bis mir der Schweiß von der Stirn tropft und jeder Bissen zur Qual wird.

Genauso verhält es sich mit den Erwartungen. Sind sie zu hoch, dann entgehen uns die schönen Nuancen des Lebens, wir haben dann dieses brennen des Chili im Mund und die kleinen, feinen, schönen Momente können wir nicht mehr wahrnehmen. Aufmerksamkeit geht verloren durch zu hohe Erwartungen, mein Fokus der Wahrnehmung ist dann zu eng, zu begrenzt. Begrenzt auf das was uns scheinbar sehr wichtig ist, die Erwartung!

Deshalb habe ich meinen guten Vorsatz für dieses Jahr ohne zu hohe Erwartungen gefasst. Ich mag weiterhin das Essen genießen, die Menschen so wahrnehmen wie sie sind und meine Erwartungen minimieren.

Was für Vorsätze hast du?

Eine gute Zeit
Chris

Wie Ihr gerade gemerkt habt, bin ich nicht der Verfasser des obigen Textes. Geschrieben wurde er von Chris Hagen. Chris ist “Glückscoach” und Trainer für "Walking in your shoes".

Fotos © PIXELIO
“Zum Jahreswechsel” von Berggeist007
“Chilies″ von Helmut Leutner