Donnerstag, 20. Juni 2013

Christlicher Glaube kann krank machen - oder gesund

Mitten im Zentrum einer ostwestfälischen Kleinstadt steht sie - die Haller Herz-Apotheke. Wenn man sie betritt, wird man von aufmerksamen Mitarbeitern freundlich und kompetent bedient. Das ist allerdings nicht der Punkt, wo sich diese Apotheke entscheidend von den Mitbewerbern abhebt. Man kann wirklich nicht sagen, dass man in den anderen Haller Apotheken auf schlecht gelauntes Personal trifft, das wenig von der Materie versteht. Nein, eigentlich genießt die Branche im Ort einen guten Ruf - zu Recht, wie ich finde. Eine der erwähnenswerten Leistungen der Haller Herz-Apotheke liegt in der Betrachtungsweise des Themas “Gesundheit”. Daraus ergibt sich eine sehr wirkungsvolle andere Art und Weise, die Kunden zu beraten. Die ist wesentlich hilfreicher, als einfach nur die “Schachtel mit den passenden Pillen” rüber zu schieben. Das folgende Interview mit dem Inhaber, Axel Schlüter, gibt dazu einige aufschlussreiche Aspekte.

Axel SchlüterUdo Michaelis: “Axel, Du stellst Dich am besten erst einmal selbst vor.”
Axel Schlüter: “Ich bin 46 Jahre alt und nicht der einzige Apotheker in der Familie. Meine Frau Edeltraut ist Inhaberin der Osning-Apotheke in Halle. Wir haben gemeinsam drei Kinder. Nach dem Abi studierte ich Pharmazie. Bevor ich mich selbstständig machte, arbeitete ich in verschiedenen Apotheken. Während meiner letzten Stelle studierte ich berufsbegleitend drei Semester Gesundheitswissenschaften. Dieses Studium hat meine spätere Berufsauffassung stark geprägt.”

“Wodurch kam diese Prägung zu Ausdruck?”
“Vorher betrachtete ich den Menschen von seiner Krankheit her. Es gab Symptome, die bekämpft und im besten Fall beseitigt werden konnten. Das Studium der Gesundheitswissenschaften vermittelte mir eine mehr ganzheitliche Sicht des Menschen. Es wurde erforscht, was gesund erhält und nicht der Schwerpunkt auf die Krankheiten an sich gelegt.”

“Du verkaufst aber doch selbst Mittel, die zum Bekämpfen von Krankheiten beitragen sollen.”
“Das stimmt! Arzneimittel und Schulmedizin haben selbstverständlich ihre Existenzberechtigung und sind in vielen Fällen sicherlich hilfreich. In ernsten Situationen können sie sogar lebensrettend sein. Es gibt jedoch auch Grenzen. Pillen schlucken lindert oft Schmerzen, setzt aber nicht an der Ursache an.”

“Wie sähe ein Beispiel aus, um das zu verdeutlichen?”
“Stresskrankheiten sind heute in aller Munde. Stress setzt im Körper Adrenalin frei und erhöht den Blutdruck. Durch eine vermehrte Cortisonproduktion steigt der Blutzuckerspiegel. Darüber hinaus gibt es eine Reihe weiterer chemischer Reaktionen im menschlichen Körper, die gesundheitliche Probleme bewirken können. Der Mensch wird daraufhin krank und versucht mit entsprechenden Mitteln die Krankheiten auf ein Maß zu reduzieren, das ihn wieder funktionsfähig macht. Wenn er aber nicht an der Ursache - nämlich dem Stress selbst - ansetzt, wird er keine wirkliche Heilung erfahren.”

“Wie sollte man konkret bei Stress an der Ursache ansetzen?”
“Situationen, die wir als stressig erleben, können von uns unterschiedlich bewertet werden. Nehmen wir an, Du hättest Schwierigkeiten mit einem äußerst unangenehmen Kunden. Der würde Dich vielleicht runterputzen oder Dir mit schmerzhaften Konsequenzen drohen, falls Du seinen Forderungen nicht nachgibst. Das Erlebnis selbst löst keinen Stress aus, sondern die Bewertung der Situation. Es ist Deine freie Wahl, wie Du auf dieses Ereignis reagieren willst. Du kannst Dich über den Kunden ärgern und aggressiv reagieren. Es gäbe weitere Möglichkeiten, ihm beispielsweise Grenzen aufzuzeigen oder ihn vor die Wand laufen zu lassen. Du könntest aber auch versuchen, diesem Kunden mit Verständnis zu begegnen. Vielleicht hatte er einfach nur einen schlechten Tag oder steht selbst massiv unter Druck, den er nicht kontrollieren kann, und jetzt Du bist in sein Schussfeld geraten. Sicherlich ist es anfangs oft nicht so einfach, bei schwierigen Ereignissen gelassen zu bleiben. Ich gebe zu, dass mir das auch nicht immer gelingt. Es ist aber wie bei allen Gewohnheiten, die man verändern möchte. Am Anfang steht die Erkenntnis, dass eine neue Verhaltensweise für Dich und oft auch für andere Vorteile bringen kann. Du handelst entsprechend dieser Erkenntnis und machst positive Erfahrungen. Die Bestätigungen, die Du jetzt erfährst, erhöhen wiederum Deine Motivation, auf diese Weise weiter zu machen. Irgendwann wird das neue Verhalten zur Gewohnheit.”

“Funktioniert das denn immer?”
“Nein, weil oft nicht genügend Energie vorhanden ist, diesen Prozess in Bewegung zu halten. Die Energie, die zur Veränderung der eigenen Lebensumstände erforderlich ist, wird oft durch Hemmnisse reduziert. Aber auch hier gibt es Möglichkeiten, sein Energiepotential zu steigern.”

“Zum Beispiel?”
“Wir machen uns viel zu wenig bewusst, welchen Einflüssen wir uns ungefiltert aussetzen und welche Auswirkungen diese auf unser Denken, Fühlen und Handeln haben. Wenn wir uns z. B. jeden Abend Horror- oder Gewaltfilme ansehen, dann hat das Konsequenzen. Wir sind wahrscheinlich aggressiver und nervöser. Wer sich ständig heftige Pornofilme reinzieht, braucht sich nicht zu wundern, wenn er eine ausgeartete sexuelle Phantasie hat. Andererseits gibt es Filme, bei denen man anschließend gut gelaunt oder entspannt ist. Manche Filme hatten bei mir eine ähnliche Wirkung wie eine gute Predigt. ‘Chocolat’ beispielsweise empfand ich als sehr aufbauend. Wir sollten uns mehr mit den Dingen beschäftigen, die uns Energie liefern.”

“Du meinst also, dass wir durch die Art und Weise, wie wir unseren Alltag leben, unsere Gesundheit beeinflussen können?”
“Auf jeden Fall! Oft sind es einfache Dinge, die zur Gesundheit beitragen. Wer in einem intakten Umfeld lebt, eine stabile Familie hat und einen erfüllenden Beruf ausübt, hat größte Chancen auf eine gute Gesundheit. Es gibt auch Untersuchungen, dass Menschen mit Gottvertrauen gesünder sind als der Durchschnitt. Ich glaube allerdings, dass es sowohl einen gesund machenden als auch einen krank machenden Glauben gibt.”

“Worin liegt der Unterschied?”
“Im Gottesbild und der persönlichen Bedeutung des Glaubens! Ich kenne Menschen, die durch die Hinwendung an Gott befreiter und glücklicher geworden sind. Durch ihre Glaubenserfahrungen entwickelt sich ein Urvertrauen, ein Gefühl der Geborgenheit und der Glaube an einen wohlwollenden und liebenden Schöpfer. Diese Menschen sind gesundheitlich tendenziell stabiler. Bei manchen Leuten ist der Glaube von permanenter Angst gekennzeichnet. Sie leben eine dogmatische Gesetzlichkeit, die in erster Linie im Einhalten sinnloser religiöser Normen besteht. Sie gestehen sich und anderen nicht zu, auch mal Fehler machen zu dürfen und sind deswegen unbarmherzig gegen sich und andere. Oder sie haben sich diese Pflichten von religiösen Führern auferlegen lassen. Dieses ‘müssen’, ‘nicht dürfen’ und die ständige Angst, etwas falsch zu machen und dafür von Gott bestraft zu werden, löst bei manchen Menschen gewaltigen Stress aus. Solch eine Religiosität bezeichne ich als ‘krank machenden Glauben’. Andererseits gibt es auch viele Menschen, die Böses ohne das geringste Schuldbewusstsein tun. Deswegen ist es mir wichtig hinzuzufügen, dass es selbstverständlich auch viele wichtige und sinnvolle Gebote und Verbote (z.B. die ‘Zehn Gebote’) gibt.”

“In der christlichen Terminologie gibt es Begriffe wie ‘Schuld’ und ‘Buße’. Führen diese manche Gläubige nicht geradezu in eine sogenannte ‘ekklesiogene Neurose’?”
“Diese Schlussfolgerung wäre mir zu einseitig! Es ist eher die Frage, wie ich diese Begriffe einordne. Ich sehe mich als Mensch, der Fehler macht und gestehe mir dieses auch zu. Ich finde es hilfreich, mein Leben zu reflektieren, um Fehler und Versäumnisse zu erkennen. Das gibt mir die Möglichkeit, mich zu verändern und weiter zu entwickeln. Ich habe den Buß- und Bettag, der bei uns inzwischen kein Feiertag mehr ist, dazu genutzt. An diesem Tag war meine Apotheke geschlossen, was manche vielleicht irritiert hat. Aber mir ist es wichtig auch meine Verantwortung zu erkennen, statt immer nur die Fehler bei anderen zu suchen. Alle meine Gedanken, Taten und Entscheidungen haben Konsequenzen für mein Leben und das Leben Anderer. Leider schieben viele Menschen diese Verantwortung von sich weg. Wenn etwas nicht nach Plan läuft, dann geben sie dem bösen Nachbarn die Schuld, oder dem Chef, der Regierung oder sonst wem. Sie hadern lieber mit ihrem Schicksal, als ihr Leben eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen.”

“Kann ich durch den ‘gesund machenden Glauben’ und Eigenverantwortlichkeit jedes gewünschte Resultat in meinem Leben erzielen?”
“Man sollte versuchen, verschiedene Aspekte zu vereinen, um zu einer ausgewogenen Haltung zu kommen. Zum einen unterschätzen wir oft unser schöpferisches Potential und begeben und stattdessen in eine Opferrolle. Andererseits wehre ich mich gegen ein Allmachtsdenken nach dem Motto: ‘Ich muss nur an der richtigen Schraube drehen und bekomme dann das gewollte Resultat’. Gerade in der Medizin ist dieses Denken weit verbreitet. Trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse über Krankheiten müssen wir uns eingestehen, dass uns vieles unbekannt ist. Wieso erkrankt ein mit Borreliose-Erreger infizierter Mensch und ein anderer nicht? Wir wissen, dass es Autoimmunerkrankungen gibt, bei denen sich das Immunsystem gegen die körpereigenen Zellen richtet. Weshalb das jedoch geschieht, liegt noch völlig im Dunklen. Ich würde mir einen demütigeren Umgang mit derartigen schwierigen Sachverhalten wünschen, anstelle eines besserwisserhaften Auftreten gegenüber den Hilfesuchenden. Denn letzten Endes ist doch der Mensch wichtiger als alle Theorien oder wissenschaftliche Forschungen.”

“Was bedeutet ‘Mensch sein’ für Dich?”
“Meinen Platz in der Welt zu erkennen und gemäß meiner Gaben auszufüllen! Dabei wird die Bedeutung der äußeren Umstände überschätzt. Materielle Dinge wie Geld sehe ich als Mittel zum Zweck, um meine Aufgaben wahrnehmen zu können. Diejenigen, die ständig dem Geld hinterher jagen, tun dies aus der Angst heraus, zu kurz zu kommen. Über viel Geld zu verfügen ist nicht unmoralisch. Wer jedoch lediglich Geld anhäuft, hat meiner Meinung nach seinen Lebenssinn verfehlt. Wer bereit ist, sein Geld fließen zu lassen, kann damit viel Gutes bewirken. Die Angst, zu kurz zu kommen, kann man auch durch das Bewusstsein verlieren, dass unser jetziges irdisches Leben nicht alles ist. Diese Erkenntnis befreit von falschen Maßstäben an das Leben und von Egozentrik. Anderen etwas zu geben oder zu helfen gehört zum ‘Mensch sein’ dazu. Es ist interessant, dass man dabei innere Zufriedenheit verspürt. Man kann auf diese Weise sogar etwas für sein eigenes Glück tun.”
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