Dienstag, 25. Juni 2013

Behandle andere Menschen so, wie Du von ihnen behandelt werden möchtest

Kulturbistro SerdarSerdar selbst war 25 Jahre lang professioneller Musiker als Schlagzeuger und Sänger. Jetzt betreibt er die Musik nur noch als Hobby. Er unterstützt mehrere musikalische Projekte mit deutschen, türkischen, kurdischen, arabischen und spanischen Musikern. Was die Stilrichtung betrifft ist er ein Allrounder: Rock-Covers der 70er und 80er, Ethno-Rock, Latin, Jazz und traditionelle türkische Musik. Er tritt immer noch gern live auf, sofern es sich zeitlich mit seinen zwei Berufen vereinbaren lässt. Neben dem Betreiben seiner Gaststätte ist er Immobilienmakler.

Schon bevor ich von Serdars musikalischen Aktivitäten erfuhr, war ich Stammgast in seinem Bistro. Außergewöhnlich ist hier, dass es keine Speisekarte gibt. Die täglich wechselnden mediterranen Gerichte kann man sich in einer Vitrine ansehen. Nachdem man die Speisen erklärt bekommen hat, bestellt man Hauptspeise und Beilagen in der gewünschten Kombination.

Sehr beliebt sind Serdars Lammgerichte. Mein persönlicher Favorit ist allerdings die Fischpfanne. Alle Hauptgerichte sind Serdars ureigenste Kreationen. Wenn man ihn gut kennt, kann man ihm vielleicht das ein oder andere Rezept abschwatzen. Allerdings gelingt das nicht immer, denn Serdar gibt manche Geheimnisse aus geschäftlichen Gründen nicht preis - na ja, ist ja auch verständlich.

Udo Michaelis: “Serdar, erzähl doch mal etwas über Dich.”
Serdar Akarsu: “Vor 53 Jahren wurde ich im Südosten der Türkei geboren und kam 1971 nach Deutschland. Seit drei Jahren bin ich geschieden und alleinerziehender Vater. Mein Sohn Sebastian wird in den nächsten Tagen 15 Jahre alt.”

Serdar Akarsu bei Zubereiten eines Lammspießes“Sebastian ist nicht unbedingt ein typisch türkischer Name. Wie ist es dazu gekommen?
“Mein Sohn ist in Deutschland geboren. Wir haben Deutschland immer als unsere Heimat angesehen. Integration hat für uns einen hohen Stellenwert. So war es nahe liegend, unserem Kind einen in Deutschland gebräuchlichen Namen zu geben. Allerdings finde ich es auch wichtig, die eigene Herkunft nicht zu verleugnen. Meine Ex-Frau ist eine aus Mazedonien stammende russisch orthodoxe Christin. Ich selbst stamme aus einer islamischen Familie. Sebastian fühlt sich in erster Linie als Deutscher und hat überwiegend deutsche Freunde. Wir haben ihm allerdings auch viel von unserer Kultur und Lebensweise vermittelt und dadurch Impulse gegeben, seinen eigenen Horizont zu erweitern. Er verfügt aber über die Freiheit, ob und wie er diese Elemente in sein eigenes Leben einfließen lässt. Es ist doch interessant, dass nicht nur eine Gesellschaft, sondern sogar ein einzelner Mensch multikulturell sein kann.”

“Wie beurteilen Deine türkischen Landsleute diese Art der integrativen Lebensweise?”
“Meistens wohlwollend, aber nicht immer. Bei Muslimen, wie bei Christen gibt es unterschiedliche Weisen, den Glauben zu praktizieren. Für mich ist es völlig o. K., wenn Gläubige ihre Religion engagiert leben und ihr einen hohen persönlichen Stellenwert geben. Wenn es aber zu Engstirnigkeit und Ablehnung aller Andersdenkenden führt, finde ich das bedenklich. Ich meine, dass wir trotz aller religiösen und kulturellen Unterschiede bereit sein sollten, andere zu akzeptieren, voneinander zu lernen und Vorurteile abzubauen. Ich freue mich, dass ich durch mein Bistro etwas zu diesem Prozess der Entspannung beitragen kann.”

“Inwiefern?”
“Der überwiegende Teil meine Gäste besteht zwar aus Deutschen, es kommen aber auch Menschen anderer ethnischer Gruppen. Wir erleben es, wie islamische Türken mit Kurden, Aramäern und Jesiden an einen Tisch sitzen und sich verstehen. Man hört zwar immer wieder davon, dass diese Bevölkerungsgruppen Stress miteinander haben, doch bei uns klappt der Dialog. Um das zu erreichen habe ich ein simples Bindemittel eingesetzt.”

“Und wie heißt das Zaubermittel?”
“Serdars rote Linsensuppe - auf die fahren fast alle ab (mit einem Augenzwinkern).”

Serdar Akarsu und Aneta Novak-Brinkmann“Wieso bezeichnest Du Deine Gaststätte als Kulturbistro?”
“Weil es neben dem Hauptaspekt, Essen und Trinken, eine kulturelle Begegnungsstätte ist. Trotz unserer kleinen Räumlichkeiten finden hier Konzerte und Jam-Sessions statt. Es gab auch schon Bilderausstellungen und eine Lesung, deren Thema ich eigentlich als geschäftsschädigend bezeichnen müsste: ‘Essen, ohne zu kochen.’ Andererseits kommen Rohkost-Fans bei uns auch auf ihre Kosten. Wir haben immer eine ganz nette Auswahl frischer Salate.”

“Hast Du irgendwelche Zukunftspläne?”
“Ich möchte eine neue Dienstleistung weiter ausbauen. Durch die Kombination von Catering und unseren kulturellen Möglichkeiten können wir Partyveranstaltungen der besonderen Art anbieten. Es ist möglich ein Programm mit einem DJ, einer internationalen Rockband, einer türkischen Band, einer Ethno-Band oder Bauchtänzerinnen anzubieten.”

“Zum Schluss interessiert mich noch, ob Du ein bestimmtes Erfolgsrezept hast.”
“Behandle andere Menschen so, wie Du von ihnen behandelt werden möchtest. Sei einfühlsam und höre zu, was sie interessiert. Schaffe eine Atmosphäre, in der sie sich wohl fühlen. So werden aus Besuchern Stammgäste. Das Besondere an unseren Stammgästen ist, dass sie auch untereinander einen intensiven Kontakt entwickeln. Wir haben hier schon erlebt, wie Ehen entstanden sind und sich neue Bands gegründet haben. Mancher kam, um seinen Trennungsschmerz herunter zu spülen und fand einen verständnisvollen Zuhörer. Auf Dauer kann ein Geschäft nur dann erfolgreich sein, wenn der Mensch im Mittelpunkt steht.”

Anmerkung 2011: Leider ist Serdar’s Bistro inzwischen geschlossen. Serdar erklärte mir, er wolle ein wenig “kürzer treten” und müsse jetzt einfach mal an seine Gesundheit denken. Nun beschränkt er sich auf Catering-Service und seine Tätigkeit als Immobilienmakler. Das ist aus seiner Sicht natürlich verständlich, für seine Stammgäste allerdings bedauerlich. Aber wer weiß, vielleicht wird er ja eines Tages noch einmal etwas ähnliches aufziehen.
Möglicherweise lässt sich ja auch einer der Leser von dem Konzept inspirieren und eröffnet ein Kulturbistro. Es gibt zwar reichlich Gaststätten in Deutschland, aber diese Art ist sicherlich eine gute Marktnische. Wichtig dabei ist, “mit Herz” an die Sache ran zugehen, wie Serdar es tat.

Anmerkung 2012: Serdar hat in Steinhagen (Westf.) wieder ein neues Kultur-Bistro eröffnet.
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