Dienstag, 24. September 2013

Mein Freund Malte - Das Fettnäpfchen

Neulich unternahm ich zusammen mit Malte einen Ausflug aufs Land und besuchte eine Veranstaltung, die gemeinsam von der dörflichen Verwaltung und der dort ansässigen Kirchengemeinde organisiert wurde. Eine Dorfpersönlichkeit nach der anderen hielt eine Rede und anschließend gab es Kaffee und Kuchen. Es hätte mir kaum etwas langweiligeres passieren können, als diese Dumpfbackenparade. Wahrscheinlich wäre selbst ein Vortrag zum Thema “Das richtige Öffnen von Konservendosen und ihre Auswirkung auf die Scheidungsstatistik des Jahres 2009″ interessanter gewesen. Auch das Publikum war nicht unbedingt mein Fall - lauter Pollunderträger, Topflappenhäkler und Eierpappenaufbewahrer. Je länger ich mich im Raum umschaute, desto mehr gewann ich die Überzeugung, von lauter Kaffefahrt-Junkies umgeben zu sein.

Der beste Redner von allen war ein Missionar aus Äquatorial-Guinea. Müsste ich Schulnoten vergeben, er bekäme als einziger Sprecher eine “Vier Plus”. Unter den Blinden nunmal ist der Einäugige König. In Erinnerung ist mir allerdings nicht sein Vortrag geblieben, sondern ein Witz, den er anschließend beim gemütlichen Beisammensein zum Besten gab. Dieser ging folgendermaßen:

Ich habe Spaß ...“Ein Elefant suchte zum Wassertrinken einen Teich auf. Das letzte Mal, als er das tat, begegnete ihm ein Krokodil. Nun war dieser Elefant eine wahre Spaßkanone. Nachdem er seinen Durst gelöscht hatte, füllte er seinen Rüssel mit Wasser und verpasste damit dem Krokodil, das gerade am Ufer gemütlich in die Sonne lag, eine ungewünschte Dusche. Diesmal war es jedoch anders. Während der Elefant trank, nahm er das Krokodil überhaupt nicht wahr, weil es unbemerkt unter der Wasseroberfläche lag. Nun war die Stunde der Rache gekommen! Das Krokodil schlich sich tauchend heran, packte blitzschnell zu und biss dem Elefant den Rüssel ab. Der Elefant daraufhin mit nasaler Stimme: Thag mal - findetht du dath eigentlich luthtig?”

Der Witz war der Brüller des Tages. Malte rief mir begeistert zu: “Ey, der war der Oberhammer! Wir sind doch morgen Abend auf Kevins Party. Den muss ich dort unbedingt erzählen!” Am nächsten Abend traf ich Malte, wie verabredet, vor Kevins Wohnung. Wir gingen gemeinsam hinein. Es waren zu diesem Zeitpunkt erst etwa zehn Gäste anwesend, aber die anderen trudelten im Laufe der nächsten halben Stunde ebenfalls ein. Auf der Party gab es ein ziemlich gemischtes Publikum - einige Hardcore-Rocker, ein paar Simon & Garfunkel-Punker und sogar auch völlig normale Menschen. Kurz nach Mitternacht schlug Maltes Stunde. Erst erzählte er zwei kurze Gags zum warmwerden und dann kam der Witz, den er am Vortag vom Missionar gehört hatte.

Die Leute waren gespannt, ganz besonders eine hübsche Blondine, die uns gegenüber stand. Als Malte zu der Stelle kam, wo sich das Krokodil unbemerkt heranschlich, lächelte die Blondine und öffnete dabei leicht ihren Mund. Was Malte dann erblickte, brachte ihn völlig aus dem Konzept. Die Frau trug eine Zahnspange. Ich verstand sofort, warum Malte plötzlich so nervös wurde. Zahnspangen haben leider manchmal den ungeliebten Nebeneffekt, dass sie beim Sprechen Zischlaute mit leicht nasalem Unterton hervorrufen können. Bei der Pointe könnte die Frau vermuten, Malte wolle sie verarschen und dann er hätte bei ihr verschissen.

Zahnspangen - das ruft bei mir Erinnerungen aus meiner Kindheit hervor. Zum Glück musste ich nie eine tragen - obwohl, wenn ich mir heute meine schief gewachsenen Zähne ansehe, dann wünschte ich mir manchmal doch … nein, diesem Gedanken möchte ich jetzt lieber keinen Raum geben. Zahnspangenträger wurden damals in unseren Kreisen erbarmungslos gehänselt und gegretelt. Wir teilten sie in zwei Kategorien ein: “Innies” und “Outies”. “Innies” hatten zumindest den Vorteil, dass man ihre Zahnspange nur sehen konnte, wenn sie den Mund aufmachten. Bei den “Outies” war das anders. Sie bekamen in ihre Spange einen Bügel eingehängt, der außen um das Gesicht herumging und im Nacken einen Gummizug hatte. Das sah echt scheiße aus!

Rolf, einer unserer Nachbarjungs, war ein “Outie”. Doch ihm schien es nicht so viel auszumachen, wie vielen anderen Zahnspangenträgern - ganz im Gegenteil: Er nutzte sein “Outie-Monstrum” regelmäßig dazu, um Aufmerksamkeit zu erregen und Blödsinn damit anzustellen. Nachdem Rolf eine Weile mit seinem Zahnspangenbügel herumexperimentiert hatte, stellte er fest, dass man damit sogar Musik machen konnte. Je nachdem, wie man den Bügel bog, war es möglich, damit unterschiedliche Töne zu erzeugen - naja, “Töne” ist vielleicht übertrieben - ich würde eher sagen “Geräusche”. Einmal präsentierten wir auf unserem Schulhof den Titelsong aus dem Western “The Good, the Bad and the Ugly” - oder auf Deutsch “Zwei glorreiche Halunken”. Ich pfiff die ersten fünf Töne und Rolf antwortete auf seinem Zahnspangenbügel mit “Plöng, plöng, plöng”.

Egal, ob damals oder heute - ich dachte immer, nur Kinder oder maximal pubertierende Jugendliche würden Zahnspangen tragen. Aber die Frau auf Kevins Party war schätzungsweise Anfang Dreißig. Wieso hatte sie in diesem Alter noch eine Baustelle in ihrem Esszimmer? Hätte man das nicht regeln können, als sie noch ein Kind war?

Malte geriet ins Stocken. Noch bevor er die Pointe verraten hatte, brach er ab und sagte mit belegter Stimme: “Ach, der Witz ist eigentlich gar nicht so gut! Ich erzähle euch einen anderen: Kommt ein Mann zum Arzt …” Ein baumlanger Kerl fuhr dazwischen: “Ey, ich möchte den Witz noch zu Ende hören. Du kannst danach ja noch den anderen erzählen!” “Ach nee!”, widersprach ihm Malte, “der ist echt nicht so gut!” “Das kannst du hier aber nicht bringen, erst einen Witz anfangen und dann nicht weitermachen!” Der Typ ließ sich nicht abschütteln. Irgendwie wirkte er ziemlich furchterregend - so ein richtiger “Bier-mit-den-Zähnen-Aufmacher”.

Nilkrokodil 3“Na gut, ich erzähle weiter: Also, das Krokodil schwamm auf den Elefanten zu und … ach, der Witz ist total bescheuert! Soll ich nicht doch einen anderen erzählen?” Jetzt schaltete sich Kevin ein: “Los Malte, ist doch egal! Wir wollen jetzt alle diesen Witz hören!” Die übrigen Anwesenden unterstützten das durch ein halblautes “Ja!”, oder per Kopfnicken. Malte hatte keine Ahnung, wie er aus dieser Nummer rauskommen sollte.

Er seufzte tief: “Na, von mir aus! Das Krokodil tauchte zum Elefanten, packte blitzschnell zu und biss ihm dem Rüssel ab. Der Elefant ging daraufhin traurig weg. Dann kam ein anderer Elefant, um Wasser zu saufen. Das Krokodil war immer noch da!” Maltes Hände waren schweißnass! Er stammelte herum, um Zeit zu gewinnen. “Also, das Krokodil tauchte, schlich sich heran und biss auch dem zweiten Elefant den Rüssel ab … äh … und dann … äh … ging der Elefant auch weg. Dann kam ein kleiner Elefant … hmm … ähm … und das Krokodil biss auch ihm den Rüssel ab … dann lief der kleine Elefant zu seiner Mama. Dann kam noch ein Elefant zum Wasser und das Krokodil biss auch ihm den Rüssel ab.” Plötzlich unterbrach ihn die Blondine mit der Zahnspange. Sie verdrehte ihre Augen und sagte: “Thag mal - findetht du dath eigentlich luthtig?”




Fotos © PIXELIO
“Ich habe Spaß ...” von Michael Ottersbach
“Na dann Prost″ von Uli Carthäuser
“Mädchen mit Zahnspange” von
Andreas Bouloubassis
“Nilkrokodil 3” von Ich-und-Du

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