Donnerstag, 24. April 2014

Die Wahrheit (Teil 2) - Das spirituelle Outing

Keine Angst - dieser Weblog ist nicht zu einem spirituellen Blog mutiert und es sollen hier auch in Zukunft weder religiöse, noch esoterische Themen im Vordergrund stehen. Trotzdem gehört Spiritualität und ein Leben mit Gott für mich genauso zum Mensch sein, wie zwischenmenschliche Beziehungen und Politik. Vor Ostern gab es meine “Gedanken zum Karfreitag” und nun bringe ich noch einige Aspekte über den Glauben. Außerdem habe ich manchmal einfach Lust, über die Dinge zu schreiben, die mich gerade gedanklich beschäftigen. Es kann aber auch sein, dass ich mit anderen interessante Diskussionen führe und die daraus entstehenden Aspekte der Öffentlichkeit zugänglich machen möchte. Dieser Beitrag ist ein Mix aus beidem und beantwortet außerdem oft gestellte Fragen zu meiner Spiritualität mit einem “Rundumschlag”.

TagesthemenWenn ich meine spirituelle Identität in wenigen Worten zusammenfassen soll, wähle ich die Beschreibung “ein Christ, der gerne über den Tellerrand blickt”. Ich bin mir aber dessen bewusst, dass die Begriffe “Christ” und “Tellerrand” vielfältige Assoziationen hervorrufen. Deshalb erläutere ich etwas genauer, was das für mich bedeutet und grenze mich gleichzeitig von denjenigen ab, die diese Begriffe ebenfalls verwenden, aber etwas anderes darunter verstehen. Es gibt Leute, die sich als “Christ” bezeichnen und mit denen ich ungefähr so viele Gemeinsamkeiten habe, wie Dieter Bohlen mit dem Papst.

“Christ sein” hat für mich nicht in erster Linie etwas mit der Zugehörigkeit zu einer Kirche oder Denomination zu tun. Albert Schweitzer hat mal gesagt: “Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht.” “Christ sein” wird ebenfalls nicht durch meine ethischen und moralischen Werte bestimmt. Ich bin nicht deshalb Christ, weil ich irgendeiner Hilfsorganisation etwas spende, oder mich an einem sozialen Projekt beteilige. Ich bin auch nicht Christ, weil ich die Gebote einhalte und mich an vorgegebene Normen und Regeln halte. Nein, “Christ sein” wird durch etwas anderes definiert.

HoffnungInteressant ist in dem Zusammenhang, warum Menschen das erste Mal als “Christen” bezeichnet wurden. In der Antike gab es eine Stadt namens Antiochia. Diese lag in einem Gebiet, welches damals zu Syrien gehörte und heute ein Teil der Türkei ist. In Antiochia lebte im ersten Jahrhundert eine Gemeinschaft von Gläubigen, welche von Außenstehenden “Christen” genannt wurden. An der Art und Weise, wie sie lebten, konnte man sehen, dass sie sich am Leben und der Lehre des Jesus Christus orientierten. Bemerkenswert dabei ist, dass sie sich nicht selbst so nannten, sondern von anderen sozusagen dieses “Prädikat” erhielten.

Jesus selbst hat darauf hingewiesen, dass die Welt seine Nachfolger an der gelebten Liebe erkennen wird. Die Liebe bezeichnete er als das höchste Gebot und sie geht dabei in drei Richtungen: Liebe zu Gott, Liebe zu den Mitmenschen und Liebe zu sich selbst. In das Gebot der Liebe sind alle anderen Gebote eingeschlossen. Paulus hat das in seinem Brief an die Römer folgendermaßen ausgedrückt:

“Seid niemand etwas schuldig, als dass ihr einander liebet; denn wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn die Forderung: ‘Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, lass dich nicht gelüsten’ und welches andere Gebot noch sei, wird zusammengefasst in diesem Wort: ‘Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!’ Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses; so ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.”

Anders ausgedrückt: Wenn Du von der göttlichen Liebe erfüllt bist und Deinen Nächsten liebst wie Dich selbst, brauchst Du Dich nicht mehr bemühen, irgendwelche anderen Gebote einzuhalten. Du tust dann automatisch das Richtige! Wenn Du diese Liebe nicht lebst, dann ist das Einhalten der übrigen Gebote sowieso für’n A… und alle religiösen Anstrengungen kannst Du auch gleich in die Tonne kloppen. Paulus hat das im 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes hervorragend zum Ausdruck gebracht. Dieser Text ist wunderschön und es lohnt sich unbedingt, ihn zu lesen. Wenn Ihr hier klickt, findet Ihr eine besonders poetische Übersetzung.

Was viele, die sich “Christen” nennen, vom 4. Jahrhundert an bis in die heutige Zeit praktizieren, hat leider wenig mit dem zu tun, was Jesus und die ersten Christen gelebt haben. Das dunkelste Kapitel der Kirchengeschichte war sicherlich das Mittelalter mit seinen Kreuzzügen, Hexenverbrennungen und Inquisitionen. Es ist so etwas von widersinnig, dass man diese Taten im Namen Christi beging und damit im krassesten Widerspruch zu seiner Lehre stand, wie man sich das überhaupt vorstellen kann.

Auch wenn es heute vielleicht nicht mehr so gewaltsam zugeht wie damals, haben sich kirchliche Lehren bis zum heutigen Tage gehalten, die Jesus selbst nie und nimmer gewollt hat. Quer durch die Bank aller Konfessionen findet man Gemeinden, die von ihren Gläubigen die Einhaltung religiöser Normen fordern und jene ächten, die ihrem Bild eines guten Christen nicht entsprechen. Das eigene Weltbild wird mit Bibelstellen untermauert, die teilweise völlig sinnentstellt aus dem Kontext gerissen wurden. Diese Menschen merken entweder überhaupt nicht, dass sie mit dieser Interpretation konträr zu den Grundaussagen von Jesus Christus stehen, oder sie setzen diese Strategie aus machtpolitischen Beweggründen sogar bewusst ein.

Hauptverursacher dieses Dilemmas ist meiner Ansicht nach der Katholizismus. Meine Kritik richtet sich dabei nicht gegen die katholischen Gläubigen. Ich habe Katholiken kennengelernt, welche die genannte Liebe praktizieren und ihren Glauben vorbildlich leben. Auch einer meiner Lieblingsautoren kommt aus der “katholischen Ecke” - der Franziskaner Richard Rohr, der hervorragende Bücher wie “Der nackte Gott - Plädoyer für ein Christentum aus Fleisch und Blut” geschrieben hat. Aber die “katholische Geschäftsleitung” ist mir äußerst suspekt. Dieser Absolutheitsanspruch und die Politik der Ausgrenzung finde ich persönlich äußerst “unchristlich”. Hier ist ein Beispiel aus dem Katechismus der Katholischen Kirche:

Riegel“Darum können jene Menschen nicht gerettet werden, die sehr wohl wissen, dass die katholische Kirche von Gott durch Jesus Christus als eine notwendige gegründet wurde, jedoch nicht in sie eintreten oder in ihr ausharren wollen. Diese Feststellung bezieht sich nicht auf solche, die ohne ihre Schuld Christus und seine Kirche nicht kennen: Wer nämlich das Evangelium Christi und seine Kirche ohne Schuld nicht kennt, Gott jedoch aufrichtigen Herzens sucht und seinen durch den Anruf des Gewissens erkannten Willen unter dem Einfluss der Gnade in den Taten zu erfüllen versucht, kann das ewige Heil erlangen.”

Wenn ich die Sache richtig verstehe, dann lehrt die katholische Kirche folgendes:
  1. Katholische Gläubige können das ewige Heil erlangen.
  2. Menschen, die das Evangelium Christi und die katholische Kirche nicht kennen, können das Heil ebenfalls erlangen, allerdings nicht durch Eintritt in die Kirche, sondern durch den Versuch, gute Taten zu vollbringen.
  3. Menschen, welche die katholische Kirche kennen, aber nicht zu ihr gehören, können nicht gerettet werden. Da ist es dann wurscht, wie die Taten oder die Beziehung zu Christus aussehen. Biste kein Mitglied der katholischen Kirche, dann bedeutet das aus und vorbei - keine Chance!

Au Backe - sollten die Katholiken das wirklich so sehen, dann finde ich das sehr bedenklich – äußerst bedenklich!

Nun, ich will hier nicht zuviel auf den “Katholen” rumhacken. Die protestantischen Kirchen schneiden im Vergleich zwar besser ab, aber auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt. Ich habe bereits in meinem Beitrag “Religiöser Muff oder gelebter Glauben, der vom Hocker reißt” über eine hammermäßig gute Kirchengemeinde aus Ostwestfalen berichtet, und ich kenne auch in anderen Teilen Deutschlands tolle Gemeinden. Aber gerade im frommen Siegerland bin ich in einer Ortsgemeinde der evangelischen Kirche mit Verhaltensweisen konfrontiert worden, die den Charakter einer “mittleren Katastrophe” haben.

Neben den beiden großen Landeskirchen gibt es in Deutschland noch eine Vielzahl von Freikirchen. Diese sind manchmal “lebendiger” und “nicht so steif”. Sie erwecken zwar den Eindruck, dass sie sich deutlich vom Katholizismus abgrenzen, aber auch dort findet man eine Menge starre Dogmatik. Viele dieser Gemeinden sind von ihrer Ausprägung “katholischer”, als sie sich das selbst vorstellen können oder wahrhaben wollen.

Auch wenn die meisten Kirchen sehr deutlich betonen, dass sie ihren Glauben auf Jesus Christus und die Bibel gründen, ist es dennoch eine Tatsache, dass ein großer Teil ihrer Lehre aus kirchlichen Dogmen besteht, die erst nach dem 3. Jahrhundert von der katholischen Kirche festgelegt wurden und die man bewusst oder unbewusst übernommen hat. Nein, mir geht es hier nicht um einen Verriss und ich sage auch nicht, dass das alles schlecht ist. Ich finde es nur bedenklich, wenn man bestimmte Dogmen in sein Glaubenskonzept einbaut und später dann unreflektiert behauptet wird, diese Lehren stammen von Gott und sind unfehlbar. Diese Dogmen werden zum Maßstab erkoren, um zu beurteilen, was richtig und falsch, gut und böse ist. Alles, was nicht in diesen Rahmen hinein passt, wird als “nicht göttlich” und manchmal sogar als “teuflisch” abgelehnt.

Es gibt ein eigenartiges Phänomen in der christlichen Welt. Einige Gemeinden haben in ihrer Verkündigung gute Ansätze und sprechen von der Liebe Gottes, von Barmherzigkeit und von Vergebung. Wenn man aber etwas näher hinschaut, entdeckt man die Verknüpfung einer guten christlichen Grundhaltung mit einer extremen religiösen Gesetzlichkeit. Das Resultat ist dann so ein “kraftloser Christenmischmasch”.

Diese Kraftlosigkeit versucht man durch den erhobenen moralischen Zeigefinger zu kompensieren. Da wird den “Schäfchen” gesagt, was sie angeblich alles falsch machen und wie sie sich richtig zu verhalten hätten. Handeln diese aber nicht normgerecht, müssen die Gemeindeglieder “ermahnt” werden, wie man in diesen Kreisen sagt. Schafft man es, die aus der Spur gelaufenen durch “Ermahnung” zur “Buße” zu bewegen um somit eine Verhaltensänderung zu bewirken, ist wieder alles klar.

Aber wehe, die “Schäfchen” hinterfragen die aufgestellten Normen kritisch oder sie machen ihre eigenen Erfahrungen mit Gott, die mit denen der “Hirten” nicht übereinstimmen. Nicht selten wird ihnen dann gesagt, diese Erfahrungen können unmöglich von Gott stammen. Weil sie sich ja nicht an die Normen hielten, würde sie in “Sünde” leben und deshalb könne Gott sie auch nicht segnen. Diese “Hirten” nennen sich zwar Christen, haben aber von der Botschaft des Evangeliums soviel Ahnung, wie die Kuh vom Eislaufen.

Diese bescheuerten Verhaltensweisen kann man leider in allen Konfessionen entdecken – ob Katholiken, Protestanten, Mennoniten, Baptisten oder Pfingstgemeinden. Es gibt allerdings deutliche Unterschiede in der Ausprägung. Bei einigen Gemeinderichtungen ist das nicht generell der Fall und es wird in den einzelnen Ortsgemeinden unterschiedlich gehandhabt. In anderen Gemeindeverbänden ist es dafür gang und gäbe. Manchmal ist in den Gemeindestatuten sogar von “Gemeindezucht” die Rede und es werden Gemeindeglieder ausgeschlossen, die sich nicht an den vorgegebenen Verhaltenskodex halten.

Ob man das Verhalten eines anderen als fehlerhaft betrachtet, ist ohnehin subjektiv. Aber selbst dann, wenn es ein Fehler sein sollte, hat weder ein geistlicher Führer noch jemand sonst das Recht auf ein derartiges Disziplinieren.

Wie haben es die ersten Christen denn damals gehalten? Lassen wir dazu doch erneut den “guten alten Paule” zu Worte kommen. Er schreibt in seinem Brief an die Galater: “Liebe Brüder, so ein Mensch etwa von einem Fehler übereilt würde, so helfet ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.”

Da ham wir’s doch! Es geht also nicht darum, dem anderen einen “drüber zu geben”, sondern ihm zurecht zu helfen. Die Einstellung ist wichtig dabei (mit sanftmütigem Geist). Auch wenn das Problem für einen Einzelnen schwerwiegend ist, gemeinsam packen wir’s! (Einer trage des andern Last!) Auf diese Weise erfüllen wir das Gesetz Christi - also das Gesetz der Liebe! Und damit schließt sich der Kreis und wir sind wieder beim zentralen Punkt des Evangeliums.

Ich bin Christ und ich bin es gerne! Ich glaube aber nicht an einen Gott, der auf einer Wolke sitzt und die Punkte zählt. Bekomme ich genug Punkte zusammen, dann habe ich mir den Himmel “verdient”. Jede Übertretung (oder Sünde) gibt Punktabzug. Das alles ist totaler Blödquatsch!

Berühr mich!Ich glaube an einen Gott der Liebe, der es wohlwollend mit mir meint. Seine göttliche Liebe erfüllt mein Leben. Diese Liebe macht aus mir keinen “frommen Dogmatiker”, sondern einen “Liebenden”, der sich auch selbst geliebt weiß. Die Liebe und Christus sind für mein Leben als Christ unverzichtbar. Über alles andere kann diskutiert werden. Vieles kann hilfreich sein, aber nichts ist zwingend erforderlich. Manches “fromme Getue” ist aber keineswegs hilfreich.

Wir sollten uns fragen, ob die Dinge uns frei oder abhängig machen. Dabei ist es egal, ob sich die Abhängigkeit auf religiöse Führer oder auf kirchliche Lehren bezieht. Eine Religion oder Glaubensgemeinschaft, die ihre Anhänger nicht zur Freiheit, sondern stattdessen in die Abhängigkeit führt, hat keine Daseinsberechtigung. Ein guter Glaube macht frei und hat stets die Liebe im Zentrum.

Liebe bewahrt auch vor einem “Tunnelblick” und ermöglicht es, “über den Tellerrand” zu blicken. Doch davon mehr im nächsten Beitrag.

Fotos ©  PIXELIO
“Tagesthemen” von Kurt Michel
“Hoffnung” von Margot Kessler

“Riegel” von Andrea Kusajda

“Berüh mich!” von knipseline
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