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Dienstag, 5. März 2024

Die Zeit ist reif


Nach meinem Artikel über das Konzert von Heinz Rudolf Kunze und sein Lied „Igor“ habe ich mich entschlossen, einen weiteren Artikel über diesen Musiker zu schreiben. Dieser hatte vor, im Jahr 2021 eine Tournee zu seinem 40-jährigen Bühnenjubiläum zu machen. Leider durfte er in diesem Jahr aufgrund der Corona-Situation nicht auftreten und so fand seine Tournee erst im folgenden Jahr statt. Ein Live-Album mit den Liedern dieser Tournee erschien ebenfalls 2022. Darauf sind neben den Songs auch die Ansagen von Heinz Rudolf zu hören. Eine dieser Ansagen hat mit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine zu tun. Ihr könnt diesen nach der Überschrift „Boris Romantschenko“ komplett lesen und anschließend den Text des Liedes „Die Zeit ist reif“.

Boris Romantschenko

Als die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg diese Stadt eroberte und wieder verlor und wieder eroberte und dann endgültig verlor, hieß sie Charkow. Heute heißt sie Charkiw, aber sie liegt noch immer in der Ukraine. Dort lebte bis vor wenigen Tagen in der ersten Märzhälfte des Jahres 2022 Boris Romantschenko. 96 Jahre alt ist er geworden, viel hat er erlebt und viel Furchtbares überlebt, vor allem Hitlers Konzentrationslager und Vernichtung-durch-Arbeit-Lager Buchenwald, Peenemünde, Dora und Bergen-Belsen.

Vizepräsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora ist er gewesen. Regelmäßig kam er zu Gedenkveranstaltungen nach Deutschland. Er trug seine Häftlingsjacke samt seiner Häftlingsnummer und dem roten Winkel für politische Gefangene mit einem schwarzen R. Das R stand für Russe, nicht für Ukrainer. Damals war der Ukrainer Boris Romantschenko eben auch Russe. Heute ist das anders.

In der ersten Märzhälfte des Jahres 2022 bombardieren russische Truppen die ukrainische Stadt Charkiw, um das angebliche Bruderland Ukraine wieder mit Russland zu vereinen und um es - so Präsident Putin - zu „denazifizieren“. Der 96jährige Boris Romantschenko wollte seine Wohnung nicht mehr verlassen. Der ehemalige KZ-Häftling Boris Romantschenko starb durch eine russische Rakete, die ihn denazifizieren sollte.

Boris Romantschenko - wir werden auch diesen Namen wieder vergessen, aber wir dürfen nicht! Wir dürfen das nicht! Gerade wir dürfen das nicht! Niemals!

Die Zeit ist reif


Ich hab' nie gesagt, dass es einfach ist,
dass es mühelos passiert.
Keine Medizin, kein Patentrezept,
helfen, wo die Angst regiert,
tief in uns drin
und wir wissen, wohin sowas führt.

Die Zeit ist reif für ein riesiges Erwachen
und ein Silberstreif soll den Menschen Hoffnung machen.
Lasst euch nie mehr mit Gespenstern ein!
Es muss anders sein!

Die Zufriedenheit, die man daraus zieht,
dass man keine Ruhe gibt,
ist ein hohes Gut, denn gesunde Wut,
die bergauf den Felsblock schiebt.
Die ist was wert, weil nur das uns gehört,
was man liebt.

Die Zeit ist reif für ein riesiges Erwachen
und ein Silberstreif soll den Menschen Hoffnung machen.
Es darf nie mehr so wie früher sein.
Die Zeit ist reif für ein riesiges Erwachen
und ein Silberstreif soll den Menschen Hoffnung machen.
Stellt euch nie mehr stumm, taub, blind und klein.

Nur so weiter geht es nicht,
das ist Menschenrecht und -pflicht.
Eure Kinder schau'n euch fragend an.
Zwingt euch, dass zusammenpasst,
was ihr ihnen hinterlasst,
eine Welt, in der man leben kann!

Es darf nie mehr so wie früher sein!

Die Zeit ist reif für ein riesiges Erwachen
und ein Silberstreif soll den Menschen Hoffnung machen.
Lasst euch nie mehr mit Gespenstern ein!
Die Zeit ist reif für ein riesiges Erwachen
und ein Silberstreif soll den Menschen Hoffnung machen.
Lasst euch nie mehr mit Gespenstern ein!
Es muss anders sein!

Dienstag, 6. Februar 2024

Igor

Am 25. Januar war ich in Düsseldorf auf einem Konzert von Heinz Rudolf Kunze. Ursprünglich wollte ich mit meiner Frau dort hin und hatte ihr das Ticket zum Geburtstag geschenkt. Leider kam eine Operation dazwischen, meine Frau hat genau in diesem Zeitraum ein neues Kniegelenk bekommen.

Damit das zweite Ticket nicht verfällt, ist unser Freund Burkhard mit mir zum Konzert gefahren. Heinz Rudolf ist es wieder einmal gelungen, mit seiner Band eine tolle Performance hinzulegen. Nach seinem Auftritt habe ich mich mit Burkhard darüber unterhalten, was uns an diesem Abend am meisten bewegt und berührt hat. Wir waren uns sofort einig, dass es nicht seine Hits waren, die wir lauthals mitgesungen haben. Es war auch nicht das geniale Klavierspiel von Heinz Rudolf oder die tollen Soli des Gitarristen und des Keyboarders. Das war alles absolut super, genau wie die mega Stimmung in der Halle. Was uns geflash und in gewisser Weise betroffen gemacht hat, war das Lied "Igor" von seinem neuen Album "Können vor Lachen".

Ich will gar nicht so viel darüber schreiben - lasst einfach den Text, die Musik und die Bilder vom Video auf euch wirken und schaut, was es mit euch macht!

Igor aus Sankt Petersburg,
zwanzig Jahre alt,
kindlich ängstlich sein Gesicht,
schmächtige Gestalt,
steht in Kiew vor Gericht,
endlos leer sein Blick,
Urteil lebenslänglich,
nie mehr geht’s zurück.

Igor aus Sankt Petersburg,
russischer Soldat,
sollte die Ukrainer töten,
wie ein Automat.
Igor hat sehr schnell begriffen,
Igor ist nicht blind,
dass die Menschen der Ukraine
keine Feinde sind.

Wie geht es Ihnen Herr Putin?
Wie schlafen Sie bei Nacht?
Hören Sie im Kreml 
je den Donner einer Schlacht?

Wie geht es Ihnen Herr Putin?
Wie schlafen Sie bei Nacht?
Was haben Sie mit diesem Jungen
aus Leningrad gemacht?

Igor aus Sankt Petersburg
(früher Leningrad)
hat sie vor Gericht gestanden
seine schlimme Tat.
Igor hat aus Todesangst
sinnlos Blut vergossen,
einen wehrlos alten Mann
auf Befehl erschossen.

Igor aus Sankt Petersburg
hat noch nie geliebt,
hat nicht die geringste Ahnung
wie viel Welt es gibt.
Igor hat sein ganzes Leben 
jetzt schon hinter sich,
hinter den Gefängnismauern
läßt es ihn im Stich.

Wie geht es Ihnen Herr Putin?
Wie schlafen Sie bei Nacht?
Haben sie ein einziges Mal
an solche Jungs gedacht?

Wie geht es Ihnen Herr Putin?
Würden sie sich trauen,
Igor aus Sankt Petersburg
ins Gesicht zu schauen?

Wie geht es Ihnen Herr Putin?
Wie schlafen Sie bei Nacht?
Und wohin werden die halben Kinder
aus Mariupol gebracht?

Montag, 7. Oktober 2013

Die Berührung durch des Meisters Hand


SymphonieSie war ramponiert und zerkratzt, und der Auktionator fand es kaum der Mühe wert, viel Zeit mit der alten Violine zu verschwenden. Aber er hielt sie hoch mit einem Lächeln. “Was wird geboten, gute Leute?”, schrie er. “Wer fängt an zu bieten? Ein Dollar, ein Dollar!” Dann zwei! Nur zwei?

“Zwei Dollar, und wer bietet drei? Drei Dollar zum ersten, drei Dollar zum zweiten; drei Dollar zum dritten …” Aber nein! Aus dem Raum, weit hinten, kam ein grauhaariger Mann nach vorn und nahm den Bogen auf. Dann, indem er den Staub von der alten Violine wischte und die Saiten spannte, spielte er eine Melodie, rein und süß, wie ein Engel singt.

Die Musik verstummte, und der Auktionator sagte mit einer Stimme, die ruhig und leise war: “Was wird mir geboten für die alte Violine?” Und er hielt sie hoch mit dem Bogen. “Eintausend Dollar, und wer bietet zwei? Zweitausend! Und wer bietet drei? Dreitausend zum ersten, dreitausend zum zweiten; und zum dritten!”, sagte er. Die Leute jubelten, aber einige riefen: “Wir verstehen nicht ganz! Was hat ihren Wert erhöht?” Schnell kam die Antwort: “Die Berührung durch eines Meisters Hand.”

Und mancher Mann, dessen Leben außer Takt ist und ramponiert und zerkratzt vor Sünde, wird billig verkauft an die gedankenlose Menge, gerade wie eine alte Violine.

Ein Teller “Dicke Suppe”, ein Glas Wein; ein Spiel - und er reist weiter. Er geht “zum ersten” und geht “zum zweiten”. Er geht weg und ist fast gegangen. Aber der Meister kommt, und die törichte Menge kann nie ganz verstehen - den Wert einer Seele und die Erhöhung, die sie erlangt, bei der Behandlung durch des Meisters Hand.

Myra B. Welch (aus dem Buch “Hühnersuppe für die Seele”)

Foto © berlin-pics / PIXELIO

Freitag, 20. September 2013

Der Immobilienmakler

“Bernd, bringst du noch mal zwei Bier?” “Jau Marvin, geht klar!”, antwortete der Wirt seinem Stammgast. Wie fast jeden Mittwoch kam Marvin auch heute wieder hierher in die Stadtkneipe, welche etwa einen halben Kilometer entfernt von seiner Wohnung lag. Sie war klein und gemütlich rustikal. Marvin saß wie üblich am Tisch neben dem Fenster.

MaibockNachdem der Wirt die zwei Bier gebracht hatte, setzte Marvin seine Unterhaltung mit Simon fort. Die beiden waren seit ihrer Schulzeit miteinander befreundet, hatten sich aber vor einigen Jahren aus den Augen verloren. Am vorletzten Samstag begegneten sie sich zufällig wieder auf einer Party eines gemeinsamen Bekannten. “Sag mal, du hast dich auf der Party doch lange mit diesem blonden Brillenträger unterhalten!”, sagte Marvin zu seinem Kumpel. “Stimmt! Der ist Immobilienmakler und muss irgendwo ganz bei dir in der Nähe wohnen.” Simon machte eine kurze Pause und begann zu schmunzeln. “Was grinst du denn?”, wollte Marvin wissen. “Och, ich hab nur gerade an unsere Unterhaltung mit dem Typen gedacht. Florian und André waren auch mit dabei. Wir haben den Kerl ganz schön hochgenommen.” “Was habt ihr denn mit ihm angestellt?” “Am besten, ich erzähle dir die Sache von Anfang an.”

Simon trank einen Schluck aus seinem Bierglas und fuhr fort: “Als der Typ uns anquatschte, war er schon ganz schön abgefüllt. Nachdem er uns einige Zeit mit irgendeinem Blödquatsch vollgesülzt hatte, jammerte er auf einmal, er hätte einfach kein Glück bei den Frauen. Er verstände es auch nicht, warum die Mädels ausgerechnet Florian so hinterherlaufen würden. ‘Och’, sagte ich zu ihm, ‘das ist bei André und mir genauso!’ Jetzt wollte er natürlich wissen, wie wir das anstellen. ‘Wir sind Musiker!’, sagte ich zu ihm. ‘ Wenn du das richtige Instrument spielst und den richtigen Stil hast, dann kriegst du jede Frau, die du willst.’ Der Immobillienmakler hat mir das voll abgenommen und war nun heiß darauf zu erfahren, wie das funktioniert.

Florian hat ihm die passende Antwort gegeben: ‘Ich spiele Schlagzeug in einer Heavy-Metal-Band und ziehe damit massenweise rassige und leidenschaftliche Powerfrauen an. André ist Gitarrist und spielt mit seiner Combo seit einiger Zeit Folk und Westcoast-Rock. Seitdem kann er sich vor naturverbunden Frauen kaum noch retten. Meistens sind sie irgendwie alternativ drauf und haben oft auch einen spirituellen Touch.

Und die gefühlvollen und zärtlichen Frauen laufen scharenweise hinter Simon her. Er ist Bassist in einer Blues-Band. Du kannst dir als Musiker also die Frauen aussuchen, die du möchtest. Es kommt nur auf deinen Musikstil und dein Instrument an. Stehst du mehr auf konservative Frauen, die dazu noch intelligent sind, dann solltest du Violine in einem Symphonieorchester spielen. Spielt die Intelligenz wiederum keine große Rolle, die Frau soll dafür aber im Bett immer genau das tun, was du gerne möchtest, dann wäre Volksmusik das Richtige. Den ultimativen Treffer würdest du hier mit Akkordeon landen. Darauf stehen nämlich besonders die volkstümlichen Frauen. Die sind zwar nicht so schlau, aber dafür wollen sie immer und haben außerdem meistens sehr üppige Oberweiten.’ Wir haben uns köstlich amüsiert, als der Typ anfing, sich Notizen zu machen und zwischendurch mehrmals ‘Akkordeon’ murmelte.”

AkkordeonspielerSimon hatte den letzten Satz kaum ausgesprochen, da brach Marvin in schallendes Gelächter aus. “Wir hatten zwar auch unseren Spaß, aber so gegröhlt wie du haben wir auch wieder nicht!”, meinte Simon leicht verwirrt. “Sorry, aber das hat einen Grund, von dem du nichts weißt! Jetzt verstehe ich die ganze Sache erst!” “Was verstehst Du?” Simon kapierte gar nichts! “Okay, ich werd’s dir erklären: Gestern Abend machte ich einen kurzen Spaziergang. Ich schlenderte die Straßen entlang und hörte plötzlich eigenartige Klänge aus der Ferne. Ich ging weiter in die Richtung, aus der die Geräusche kamen und dann konnte ich die Melodie von ‘Lebt denn der alte Holzmichel noch?’ erkennen. Die Musik war dermaßen schlief, dass es mich regelrecht schüttelte. Als ich vor dem Haus stand, aus dem der Lärm drang, bot sich mir ein Bild des Grauens. Ich konnte es kaum fassen, was ich dort sah, aber es war die Wirklichkeit: Der Immobilienmakler spielte in der Garage Akkordeon!” 

Fotos © PIXELIO
“Maibock” von KFM
“Rockband 04″ von N. Schmitz
“Gitarre mit Hand” von Rainer Sturm

“Akkordeonspieler” von Rainer Sturm

Freitag, 6. September 2013

Die Buchstabler live im Siegerland

Wer mich zusammen mit meinen Autorenkollegen von den Buchstablern mal live und in Farbe erleben möchte, hat am Dienstag dazu Gelegenheit. Es wird eine Mischung aus Lesung und Konzert.

Die gelesenen Texte stammen zum großen Teil aus unserem Buch "Apropos ... Buchstabler!", das ich bereits im Januar in meinem Blog vorgestellt habe. Dazu kommen eigene Songs und zwei Gedichte, die musikalisch untermalt werden.

Das Ganze startet am 10.09.2013 um 19:30 Uhr in der Bibliothek Neunkirchen (Bürgerzentrum), Kölner Str. 174 a, 57290 Neunkirchen und kostet nur 2,50 € Eintritt.

Montag, 1. Juli 2013

Ein bemerkenswertes Rhythm'n'Blues Festival


Rhythm'n'Blues FestivalDiesen Artikel zu schreiben, hatte für mich als Musikfreak einen besonderen Reiz. Die qualitativ hervorragenden Lautsprechersysteme, die Bowers & Wilkins entwickelt, produziert und vertreibt, sind allerdings nicht der einzige Grund dafür. Jedes Jahr findet im Gerry Weber Event & Convention Center, Halle (Westf.) das fast schon legendäre Rhythm’n'Blues Festival statt.

Das ostwestfälische Unternehmen B & W Germany Group GmbH, Halle (Westf.) ist eine Tochtergesellschaft der englischen B&W Group Ltd., einem weltweit anerkannten Hersteller und Vertrieb von Premium-Lautsprechersystemen und anderen Produkten der High-End-Unterhaltungselektronik. Die B&W Group Germany GmbH als deutsche Vertriebstocher versorgt vom Standort Halle/Westfalen aus ein selektives Distributionsnetz von ca. 200 ausgesuchten Fachhändlern in Deutschland und Österreich mit den vielfach preisgekrönten Produkten der Marken B&W Bowers & Wilkins, ROTEL und Classé Audio. Das Unternehmen Bowers & Wilkins ist in über 60 Ländern der Welt mit eigenen Vertriebsgesellschaften und freien Distributionspartnern erfolgreich vertreten. Die Marke B&W rangiert unter den Top 3 der internationalen Premium-Lautsprecherhersteller und kann sich im Premium-Segment auch in Deutschland als Marktführer bezeichnen. Mehr als 5 Mio. private Musikliebhaber besitzen Lautsprecher von B&W. Aber auch viele der weltweit renommiertesten Tonstudios, wie z.B. die Londoner Abbey Road Studios oder die Skywalker Sound Studios von George Lucas in West Marin Country, Kalifornien vertrauen bei Ihren Referenz-Lautsprechermonitoren auf die Top-Modelle von Bowers & Wilkins.

Mein Gesprächspartner anlässlich des Festivals 2008 war Oliver Settertobulte, Strategic Marketing Manager bei B & W. Ein interessantes Interview über ein großartiges Event, welches sein Unternehmen in Kooperation mit der Gerry Weber Management & Event OHG veranstaltet.

Udo Michaelis: “Wie lange gibt es schon das Rhythm’n'Blues Festival?”
Oliver SttertobulteOliver Settertobulte: “Das erste Festival fand 2003 statt. Die Idee bestand allerdings schon länger. Bereits unsere englische Muttergesellschaft war von 1987 bis 1990 aktiv am berühmten Montreux Jazz Festival beteiligt, zuletzt sogar mit einem eigenen Festival innerhalb des gesamten Events. Der damalige Firmenchef, Robert Trutz, hatte sich immer schon im Bereich der Live-Musik engagiert. Was lag also näher, als an diese traditionsreiche musikalische Vergangenheit anzuknüpfen und ein eigenes B&W-Festival auf die Beine zu stellen. Der Erfolg des B&W Rhythm’n’Blues Festivals bestätigt die Richtigkeit dieser Entscheidung. Denn schließlich ist unser B&W-Festival mittlerweile zu einem der größten Indoor-Blues-Festivals in ganz  Europa herangewachsen und bietet jedes Jahr erstklassiges, Musik-Entertainment auf internationalem Niveau.”

“Aus welcher Motivation heraus engagiert sich B & W so professionell im musikalischen Bereich?”
“Unsere Lautsprecher bieten ein Höchstmaß an Klangqualität, welche immer zuerst dem Klang des Originals verpflichtet ist. Mit unserem Festival möchten wir den Leuten deshalb auch vermitteln, wie echte, ‘handgemachte’ Musik klingt, um aufzuzeigen, wie nah wir unserem Ziel der absolut authentischen Klangreproduktion bereits gekommen sind. Außerdem bietet uns ein solches Festival die Möglichkeit, unserer Passion und unserer Liebe zur Musik auf eine Art und Weise Ausdruck zu verleihen, die weit über unser tägliches Geschäft hinausgeht.”

“Wieso gerade Rhythm’n'Blues?”
Sydney Ellis & Her Yes Mama Band“Erst einmal ist es uns wichtig, authentische, sprich handgemachte Musik zu präsentieren und keine Sounds, die völlig verfremdet aus dem Computer kommen. Für uns bei B&W sollte Musik eine Seele haben und echte Emotionen zum Ausdruck bringen - auch wenn man damit nicht immer unbedingt der Breitenpopularität Rechnung trägt.
Deshalb präsentieren wir lieber Künstler, die mittels Musik Ihre Gefühle und ihre Energie authentisch rüber bringen – einfach Künstler, die Musik auch leben. Wir finden, dass gerade der Blues diese Aspekte hervorragend repräsentiert. Außerdem ist es gerade der Blues, der so unendlich viele andere Musikstile inspiriert und hervorgebracht hat. So gibt es kaum einen Rockmusiker, der seine musikalischen Wurzeln nicht im Blues begründet sieht. Deshalb hört man auf unserem Festival ja auch nicht nur den klassischen Blues, sondern lernt immer wieder die unterschiedlichsten Facetten dieser musikalischen Stilrichtung kennen.

“Wie erklärt sich die ständig wachsende Popularität des Rhythm’n'Blues Festivals?”
Dr. Mablues & The Detail Horns“Mit dem Gerry Weber Event & Convention Center steht uns eine hervorragende Festival-Location zur Verfügung, die in ihrer Art und Ausstattung schon etwas Besonderes ist. Jedes Jahr sind die auftretenden Musiker begeistert von dem tollen Ambiente, dem Sound und der lockeren, familiären Atmosphäre. Und wie man sieht, kommen Sie gerne wieder. Die Live-Acts für das erste Festival mussten wir noch aktiv suchen. Doch inzwischen bekommen wir jährlich 70 bis 100 Blindbewerbungen von Künstlern aus dem In- und Ausland. Es fällt uns daher nicht schwer, jedes Jahr musikalische Top-Qualität zu liefern. Und selbst absolute Größen des Musikbusiness, wie Udo Lindenberg oder Peter Maffay, wurden schon als Gäste gesichtet, was sicherlich auch zur stark wachsenden Popularität unseres Festivals beigetragen hat.
Durch sie ist z.B. auch schon der ein oder andere interessante Kontakt zu erstklassigen Musikern entstanden, die wir dann auch live auf der Bühne begrüßen konnten oder werden. Jüngstes Beispiel hierfür ist z.B. Carl Carlton, einer der diesjährigen Top-Acts. Carl Carlton ist Gittarist, sowohl in der Band von Peter Maffay, als auch in Udo Lindenbergs Panikorchester und wird in diesem Jahr mit seinem Soloprojekt Carl Carlton and The Songdocks die Bühne im Event-Center entern.
Ich muss zugeben, dass wir ein wenig stolz darauf sind, dass wir mit Carl in diesem Jahr eine Weltpremiere präsentieren können. Er wird nämlich auf unserem Festival bereits einige Stücke aus seinem neuen Album spielen, dass eigentlich erst am 31.10. veröffentlicht wird. Diese Songs waren also bisher noch nicht in der Öffentlichkeit zu hören und bei uns gibt es sie zum ersten Mal live.”

“Treten neben den Top-Acts treten auch eher unbekannte Künstler auf?”
Richie Arndt & The Bluenatics“Ja und Nein! Denn völlig unbekannt - zumindest in der Blues-Szene - war noch keiner unserer Künstler. Dennoch hat unser Festival den ein oder anderen Nachwuchskünstler noch mal richtig nach vorne gebracht. Ein schönes Beispiel hierfür ist Ana Popovic. Im Jahr 2004 hatte Ana unseren Gast Udo Lindenberg derart begeistert, dass er sie spontan für einige Gigs seiner Live-Tour engagierte. Und vorletztes Jahr gab es dann ja auch einen überraschenden gemeinsamen Auftritt von Udo und Ana auf unserem Festival. Sie sehen, es profitieren also nicht nur die Zuschauer von unserer Veranstaltung, sondern auch die Musiker. Es freut uns natürlich sehr, wenn unser Engagement solch positive Ergebnisse hat. Auch in diesem Jahr werden wir wieder ein echtes Ausnahmetalent auf der Bühne haben. Henrik Freischlader, ein von den Kritikern hoch gelobtes Talent an der Gitarre wird bei Richie Arndt & The Bluenatics mitspielen. Und wer weiß, vielleicht erleben wir ihn dann ja bald auch einmal mit seiner eigenen Band auf einem der nächsten B&W Rhythm’n’Blues Festivals hier in Halle/Westfalen. B&W – Listen and you’ll see”

Dienstag, 25. Juni 2013

Behandle andere Menschen so, wie Du von ihnen behandelt werden möchtest

Kulturbistro SerdarSerdar selbst war 25 Jahre lang professioneller Musiker als Schlagzeuger und Sänger. Jetzt betreibt er die Musik nur noch als Hobby. Er unterstützt mehrere musikalische Projekte mit deutschen, türkischen, kurdischen, arabischen und spanischen Musikern. Was die Stilrichtung betrifft ist er ein Allrounder: Rock-Covers der 70er und 80er, Ethno-Rock, Latin, Jazz und traditionelle türkische Musik. Er tritt immer noch gern live auf, sofern es sich zeitlich mit seinen zwei Berufen vereinbaren lässt. Neben dem Betreiben seiner Gaststätte ist er Immobilienmakler.

Schon bevor ich von Serdars musikalischen Aktivitäten erfuhr, war ich Stammgast in seinem Bistro. Außergewöhnlich ist hier, dass es keine Speisekarte gibt. Die täglich wechselnden mediterranen Gerichte kann man sich in einer Vitrine ansehen. Nachdem man die Speisen erklärt bekommen hat, bestellt man Hauptspeise und Beilagen in der gewünschten Kombination.

Sehr beliebt sind Serdars Lammgerichte. Mein persönlicher Favorit ist allerdings die Fischpfanne. Alle Hauptgerichte sind Serdars ureigenste Kreationen. Wenn man ihn gut kennt, kann man ihm vielleicht das ein oder andere Rezept abschwatzen. Allerdings gelingt das nicht immer, denn Serdar gibt manche Geheimnisse aus geschäftlichen Gründen nicht preis - na ja, ist ja auch verständlich.

Udo Michaelis: “Serdar, erzähl doch mal etwas über Dich.”
Serdar Akarsu: “Vor 53 Jahren wurde ich im Südosten der Türkei geboren und kam 1971 nach Deutschland. Seit drei Jahren bin ich geschieden und alleinerziehender Vater. Mein Sohn Sebastian wird in den nächsten Tagen 15 Jahre alt.”

Serdar Akarsu bei Zubereiten eines Lammspießes“Sebastian ist nicht unbedingt ein typisch türkischer Name. Wie ist es dazu gekommen?
“Mein Sohn ist in Deutschland geboren. Wir haben Deutschland immer als unsere Heimat angesehen. Integration hat für uns einen hohen Stellenwert. So war es nahe liegend, unserem Kind einen in Deutschland gebräuchlichen Namen zu geben. Allerdings finde ich es auch wichtig, die eigene Herkunft nicht zu verleugnen. Meine Ex-Frau ist eine aus Mazedonien stammende russisch orthodoxe Christin. Ich selbst stamme aus einer islamischen Familie. Sebastian fühlt sich in erster Linie als Deutscher und hat überwiegend deutsche Freunde. Wir haben ihm allerdings auch viel von unserer Kultur und Lebensweise vermittelt und dadurch Impulse gegeben, seinen eigenen Horizont zu erweitern. Er verfügt aber über die Freiheit, ob und wie er diese Elemente in sein eigenes Leben einfließen lässt. Es ist doch interessant, dass nicht nur eine Gesellschaft, sondern sogar ein einzelner Mensch multikulturell sein kann.”

“Wie beurteilen Deine türkischen Landsleute diese Art der integrativen Lebensweise?”
“Meistens wohlwollend, aber nicht immer. Bei Muslimen, wie bei Christen gibt es unterschiedliche Weisen, den Glauben zu praktizieren. Für mich ist es völlig o. K., wenn Gläubige ihre Religion engagiert leben und ihr einen hohen persönlichen Stellenwert geben. Wenn es aber zu Engstirnigkeit und Ablehnung aller Andersdenkenden führt, finde ich das bedenklich. Ich meine, dass wir trotz aller religiösen und kulturellen Unterschiede bereit sein sollten, andere zu akzeptieren, voneinander zu lernen und Vorurteile abzubauen. Ich freue mich, dass ich durch mein Bistro etwas zu diesem Prozess der Entspannung beitragen kann.”

“Inwiefern?”
“Der überwiegende Teil meine Gäste besteht zwar aus Deutschen, es kommen aber auch Menschen anderer ethnischer Gruppen. Wir erleben es, wie islamische Türken mit Kurden, Aramäern und Jesiden an einen Tisch sitzen und sich verstehen. Man hört zwar immer wieder davon, dass diese Bevölkerungsgruppen Stress miteinander haben, doch bei uns klappt der Dialog. Um das zu erreichen habe ich ein simples Bindemittel eingesetzt.”

“Und wie heißt das Zaubermittel?”
“Serdars rote Linsensuppe - auf die fahren fast alle ab (mit einem Augenzwinkern).”

Serdar Akarsu und Aneta Novak-Brinkmann“Wieso bezeichnest Du Deine Gaststätte als Kulturbistro?”
“Weil es neben dem Hauptaspekt, Essen und Trinken, eine kulturelle Begegnungsstätte ist. Trotz unserer kleinen Räumlichkeiten finden hier Konzerte und Jam-Sessions statt. Es gab auch schon Bilderausstellungen und eine Lesung, deren Thema ich eigentlich als geschäftsschädigend bezeichnen müsste: ‘Essen, ohne zu kochen.’ Andererseits kommen Rohkost-Fans bei uns auch auf ihre Kosten. Wir haben immer eine ganz nette Auswahl frischer Salate.”

“Hast Du irgendwelche Zukunftspläne?”
“Ich möchte eine neue Dienstleistung weiter ausbauen. Durch die Kombination von Catering und unseren kulturellen Möglichkeiten können wir Partyveranstaltungen der besonderen Art anbieten. Es ist möglich ein Programm mit einem DJ, einer internationalen Rockband, einer türkischen Band, einer Ethno-Band oder Bauchtänzerinnen anzubieten.”

“Zum Schluss interessiert mich noch, ob Du ein bestimmtes Erfolgsrezept hast.”
“Behandle andere Menschen so, wie Du von ihnen behandelt werden möchtest. Sei einfühlsam und höre zu, was sie interessiert. Schaffe eine Atmosphäre, in der sie sich wohl fühlen. So werden aus Besuchern Stammgäste. Das Besondere an unseren Stammgästen ist, dass sie auch untereinander einen intensiven Kontakt entwickeln. Wir haben hier schon erlebt, wie Ehen entstanden sind und sich neue Bands gegründet haben. Mancher kam, um seinen Trennungsschmerz herunter zu spülen und fand einen verständnisvollen Zuhörer. Auf Dauer kann ein Geschäft nur dann erfolgreich sein, wenn der Mensch im Mittelpunkt steht.”

Anmerkung 2011: Leider ist Serdar’s Bistro inzwischen geschlossen. Serdar erklärte mir, er wolle ein wenig “kürzer treten” und müsse jetzt einfach mal an seine Gesundheit denken. Nun beschränkt er sich auf Catering-Service und seine Tätigkeit als Immobilienmakler. Das ist aus seiner Sicht natürlich verständlich, für seine Stammgäste allerdings bedauerlich. Aber wer weiß, vielleicht wird er ja eines Tages noch einmal etwas ähnliches aufziehen.
Möglicherweise lässt sich ja auch einer der Leser von dem Konzept inspirieren und eröffnet ein Kulturbistro. Es gibt zwar reichlich Gaststätten in Deutschland, aber diese Art ist sicherlich eine gute Marktnische. Wichtig dabei ist, “mit Herz” an die Sache ran zugehen, wie Serdar es tat.

Anmerkung 2012: Serdar hat in Steinhagen (Westf.) wieder ein neues Kultur-Bistro eröffnet.

Donnerstag, 14. März 2013

Die Wise Guys mit "Zwei Welten" - eine etwas andere Rezension

Die Wise Guys live in Siegen
Ja, ich bin Fan der Wise Guys und finde, dass sie zu recht als die beste Vocal-Pop-Band Deutschlands bezeichnet wird. Ich war auf ihrem Konzert in Siegen im November 2012, auf dem davor ebenfalls und auch für das kommende im November 2013 habe ich mir schon ein Jahr im voraus eine Karte gekauft. Nein, das hier soll keine gewöhnliche Rezension zu den beiden Versionen der "Zwei Welten" werden. Die könnt Ihr woanders lesen, z.B. bei Wikipedia, Focus, Web.de. Oder noch besser, Ihr schaut Euch unter wiseguys.de an, was die Band selbst darüber geschrieben hat. Ich möchte die Sache ein wenig anders gestalten.

Im Mai 2012 erschien "Zwei Welten" als ein für die Wise Guys übliches A-capella-Album. Im September wurde das Ganze dann als instrumentiertes Album veröffentlicht. Die Songauswahl ist auf beiden CDs nicht ganz identisch: Drei Titel der A-capella-CD sind nicht auf der instrumentierten vertreten, dafür vier andere Songs, die zuvor auf früheren Alben als A-capella-Version erschienen sind.

Ich nehme nun die Songs vom instrumentierten Album einzeln unter die Lupe, vergleiche sie mit der jeweiligen A-capella-Fassung und bewerte sie folgendermaßen:
  • 0 = kannste vergessen
  • 1 = nicht so besonders
  • 2 = ganz passabel
  • 3 = gut
  • 4 = sehr gut
  • 5 = das perfekte Meisterwerk
Die erste Zahl gilt jeweils für die A-capella und die zweite für die instrumentierte Version. Ich habe auch Zwischenwerte vergeben, ansonsten hätte ich die manchmal geringen qualitativen Unterschiede nicht herausstellen können.

Die Sonne scheint mir auf den Bauch
Im Vergleich zu den anderen Songs gehört das Lied zu den etwas schwächeren Titel. Die A-capella Version finde ich durch den von Ferenc gesungenen Bass und das gute Mouthdrumming grooviger. Das nette Bläserarrangement bei der instrumentierten Fassung gleicht die Sache zum Unentschieden aus.

Song 2 : 2

Zwei Welten
Ein starker Song, in beiden Versionen. Bei den Strophen kommt der gesungene Bass besser als der gespielte, und das Mouthdrumming topt ebenfalls die realen Drums. Das wird durch die Instrumental-Power im Refrain kompensiert. Dort gefällt mir besonders die dynamische Overdrive-Gitarre. Unterm Strich deshalb wieder ein Unentschieden.

Song 3,5 : 3,5
Gesamt 5,5 : 5,5

Ich bin aus Hürth
Aggro Hürth
Dieses Stück groovt in beiden Versionen ordentlich. Mir gefällt die instrumentierte einen Tick besser. Dort gibt es vielfältigere Harmonien (beim A-capella hängen die Strophen ausschließlich auf dem E-Dur-Akkord) und die Hintergrundeffekte sind cool (besonders ab 2 Min. 15). Der Text ist eine witzige Parodie auf jugendliche Kuhkaff-Gangster, die sich für harte Ghetto-Typen halten. Nach dem Konzert in Siegen meinte ich zu Sari, man würde merken, dass ihm diese "Aggro-Hürth-Nummer" einen unglaublichen Spaß macht. Er daraufhin augenzwinkernd: "Ja, stimmt - und jetzt darf ich endlich mal zeigen, was ich wirklich kann!"

Sari und Udo
Wenn man Sari und mich so nett auf dem Foto sieht, könnte man vielleicht meinen, wir wären alte Kumpels. Ganz so ist es nicht. Eigentlich kenne ich Sari und seine Kollegen so richtig nur zu 50 % - das heißt, ich kenne sie, sie mich aber nicht. Ist doch nett, dass sie trotzdem mit mir reden, oder? Das Bild ist leider verwackelt. Das liegt daran, dass Eddie gerade in der Nähe stand. Carmen war so aufgeregt, dass sie die Kamera nicht mehr stillhalten konnte.

Song 3,5 : 4
Gesamt 9 : 9,5

 

Ich weiß nicht, was ich will
Nils' Stimme kommt gut, aber ansonsten ist der Song keine Offenbarung. Als A-capella vielleicht noch ganz nett, erreicht er mich instrumentiert nicht wirklich. Besser finde ich, dass nur in den Strophen nach dem G-Dur Grundakkord ein H-Moll anstelle des D-Dur gespielt wird. Aber das sind Peanuts und interessiert am Rande höchstens komponierende oder arrangierende Musiker. Auf jeden Fall reisst es das nicht hoch.

Song 2 : 1,5
Gesamt 11 : 11

Lauter
Dynamisches Stück. Wegen der rockigen Stromgitarre gibts 'nen halben Punkt mehr für die instrumentierte Version.

Song 3 : 3,5
Gesamt 14 : 14,5

Tanzen im Regen
Ein eher unauffälliger Song, aber sonst ganz nett. Mouthdrumming gefällt mir besser als das Schlagzeug.

Song 3 : 2,5
Gesamt 17 : 17

Deutsche Bahn
Der Song macht einfach Spaß! Der Text ist witzig und Sari passt als Leadsänger wie die Faust aufs Auge. Das Stück swingt, was das Zeug hält. Zwei kleine Unterschiede sind mir erst aufgefallen, als ich mir für diesen Beitrag beide Versionen mehrmals direkt hintereinander angehört habe: Instrumentiert ist die Tonart nicht E-Dur, wie beim A-capella, sondern einen Halbton tiefer. Außerdem ist die BPM-Rate einen Tick geringer (d.h. das Tempo läuft ein wenig langsamer). Aber im Grunde ist das wurscht, weil es so oder so sehr gut klingt. Das Big-Band-Arragement - besonders die Bläser - finde ich so genial, dass es für die instrumentierte Version noch ein halbes Pünktchen mehr gibt. Das hätte selbst Tommy Dorsey nicht besser hingekriegt.

Song 4 : 4,5
Gesamt 21 : 21,5

 

Nach Hause
Dän und Udo
Ein schöner Song, den Dän sehr gefühlvoll rüberbringt. Der Text ist ausdrucksstark. Bei der instrumentierten Version gefällt mir besonders gut, dass der Refrain immer zweistimmig gesungen wird, was bei der A-capella Version nur ganz zum Schluss der Fall ist. Ansonsten sind beide Versionen gleich gut, deshalb unentschieden.

Das Bild mit Dän (der an diesem Tag Geburtstag hatte) und mir ist ein wenig verwackelt. Eddi ging an uns vorbei und da konnte Carmen sich nicht mehr richtig konzentrieren.

Song 3,5 : 3,5
Gesamt 24,5 : 25

Schönen guten Morgen
Das Video dazu ist zum Brüllen - mindestens genauso lustig wie "Ich bin aus Hürth" - schauspielerisch guter Slapstick. Die Strophen sind sehr seicht und dann rockt das Stück im Refrain richtig ab (wohlgemerkt bei der A-capella Version). Dadurch entsteht ein ulkiger Kontrast innerhalb des Songs.

Kurz bevor die instrumentierte Fassung erschien, stellte ich mir in meiner Fantasie vor, wie der Sound mit den Instrumenten klingen könnte. Als der Song dann wirklich draußen war, war ich vom Refrain ein wenig enttäuscht. Da hätte man mehr daraus machen können. Schauen wir uns dazu mal die Drums an (Achtung, für Nichtmusiker wird's nun kompliziert! Wer keinen Bock darauf hat, kann den Absatz ja überspringen):

A-capella wird in jedem zweiten Takt per Mouthdrumming jeweils mit zwei Viertelnoten die "Drei" (also die Worte "zu", "ruh", "wach" und "Krach") und direkt danach die "Vier" betont. Die imitierte Snare kommt dabei ziemlich wuchtig rüber. Das rockt! Bei der instrumentierten Version fehlt genau dieser Effekt, denn der Drummer lässt die "Vier" komplett weg. Die Takte 10 und 12 haben zwar einen "Doppelschlag" (in der gesangfreien Phase nach "Morgen"), das hat aber durch die unterschiedlichen Notenwerte eine andere Wirkung (auf der"Drei" liegt nur eine Achtel und der zweite Schlag kommt dann entsprechend früher). Die knallige Wirkung der A-capella Aufnahme hätte man nicht nur beibehalten, sondern mit den Instrumenten sogar noch verstärken können. Ich hätte die Snare so richtig krachen lassen, am besten mit beiden Sticks gleichzeitig auf "Drei" und auf "Vier", ordentlich Hall und etwas Echo draufgelegt, die Delay-Verzögerungszeit ziemlich kurz eingestellt bei nur einem Repeat. So in etwa. Die genauen Einstellungen kann man im Tonstudio austüfteln.

Das war nur ein Detail. Es gäbe noch mehr Möglichkeiten zum Optimieren, aber das würde hier den Rahmen sprengen. Natürlich entspringen diese Vorstellungen meinem subjektiven Geschmack. Und das könnt Ihr, liebe Wise Guys, ja durchaus anders sehen. Seht mein Geschreibsel einfach als Feedback. Meine Lobeshymnen kommen übrigens später noch.

Song 3,5 : 2,5
Gesamt 28 : 27,5

 

Radio
Dieser "eingewechselte" Song stammt ursprünglich vom 2006 erschienenen gleichnamigen Album. Damals gefiel er mir schon recht gut. Nun bekommt er nun durch die gelungene Instrumentierung noch eine Portion mehr Drive. Sehr schönes Stück!

Song 3 : 4
Gesamt 31 : 31,5

Das war nicht geplant
Nils und Udo
Klasse Nils! Du hast so viel Gefühl in diesen Song reingepackt und Dich damit selbst übertroffen. Beide Versionen sind richtig gut gelungen. Beim Live-Konzert klang es so ähnlich, wie auf dem instrumentierten Album. Die Wise Guys sind hier nur zu dritt aufgetreten: Nils als Leadsänger, Dän an der Gitarre, und Eddi hat Mandoline gespielt. Manchmal ist weniger mehr. Das Lied ist ein Beispiel dafür, wie man auch mit einer relativ schlichten Instrumentierung eine tolle Atmosphäre zaubern kann. Der letzte Teil lässt das Stück durch den dreistimmigen Gesang sehr wohlig ausklingen.

Das Bild mit Nils ist ausnahmsweise mal nicht verwackelt, denn Eddie war diesmal irgendwo anders.

Song 4 : 4
Gesamt 35 : 35,5

Tief im Süden
Ich liebe diesen Song! Der Text ist grandios. Hier der Refrain:

"Eine andere Welt, eine andere Zeit.
Die Sonne gibt den Takt an, der Himmel ist weit.
Die Kunst zu leben, ohne zu ermüden.
Tief im Süden.
Eine andere Welt, ein anderes Land.
Total entschleunigt, völlig entspannt.
Keine Show, kein Getue, keine Plattitüden.
Tief im Süden."

Das ist stark! In den Strophen findet man tolle Sätze wie "Als ob jeder jedem und keiner keinem was schuldet." oder das Wortspiel "Lass uns so schnell wie möglich wieder langsam werden."

Lieber Dän, hier ist Dir ein verbales Meisterwerk gelungen! Und damit nicht genug! Melodie, Gesang, Harmonien, Rhythmus - alles passt hervorragend zusammen und versetzt regelrecht in eine "mediterane Stimmung". Ich bin vor vielen Jahren im Dezember mehrere Tage mit dem Auto die spanische Mittelmeerküste entlanggefahren. Zu dieser Jahreszeit waren dort keine Touristen unterwegs. Es war so schön entspannend, in einem Fischerdorf im Café zu sitzen und den Einheimischen bei ihren Tätigkeiten oder beim Spielen zuzusehen. Diese Bilder werden in mir wach, wenn ich das Lied höre. Beide Versionen sind super - ein Unentschieden auf extrem hohen Niveau.

Song 4,5 : 4,5
Gesamt 39,5 : 40

Nur für dich
Anfang 2008 kam Nils Olfert zu den Wise Guys, weil sein Vorgänger Clemens Tewinkel sich beruflich verändern wollte. Nils passt hervorragend in die Band und ist stimmtechnisch sogar der etwas bessere Sänger. Es gibt allerdings einen Song, bei dem ich Clemens vermisse. "Nur für dich" war einfach sein Ding! Auf der Bühne ließ er seine herrliche Mimik spielen: Zu Beginn des Liedes schaute er so traurig, dass man ihm am liebsten ein Eis gekauft hätte, damit er nicht zu weinen anfängt. Von depressiv und verzweifelt, ändert sich später seine Physiognomie in "zornig-selbstbewusst" und ganz zuletzt in "verachtend-verarschend". Instrumentiert finde ich das Stück recht gut gelungen, aber die alte Version aus dem Album "Wo der Pfeffer wächst" hat meiner Meinung nach noch mehr "Atmosphäre".

Song 4 : 3
Gesamt 43,5 : 43

Mein Morgen am Meer
Ein schöner Song, fast so gut wie "Tief im Süden", womit er auch in gewisser Weise "verwandt" ist. Ein leichtes Plus für die instrumentierte Version. Abermals steigen viele Bilder in mir auf. Diesmal erlebe ich nicht die Fahrt an der spanischen Küste, sondern meine vielen Urlaube auf den Nordseeinseln. Auch hier hat Dän wieder einen tollen Text geschrieben. Hier meine Lieblingsstelle:

"Der Wind frischt auf und pustet mir den Staub aus den Gedanken,
und gibt mir das Gefühl er hebe unsichtbare Schranken,
und nach langer Zeit krieg ich es erstmals wieder hin
an den Weg zu glauben, auf dem ich gerade bin."

Song 3,5 : 4
Gesamt 47 : 47

Jetzt ist Sommer
Das Lied aus dem Album "Ganz weit vorne" ist der Hit der Wise Guys überhaupt. Jedes Mal, wenn er Live gesungen wird, steht das Publikum auf und feiert den Song singend, klatschend und tanzend. Er macht einfach gute Laune. Bei einer solch guten Stimmung überhört man auch gerne den weniger gelungenen äquivoken Reim (mit den homophonen Endsilben von "Gummiboot" und "Hausverbot"). Da gibt es wirklich Schlimmeres, wie z.B. ein bekannter Hit von Wolfgang Petry, über dessen Wortakrobatik sich Dän vor Jahren mal lustig gemacht hat. Worüber ich allerdings nicht hinwegsehe, ist die Verhunzung der neuen Version. Die Instrumentierung ist total lahmarschig. Die Stimme des sonst echt hervorragenden Dän klingt so lustlos, als hätte jemand ihn breitgeschlagen, das Lied gegen seinen Willen aufzunehmen, weil es unbedingt mit aufs Album sollte. Wenn ich die "Zwei Welten" höre, überspringe ich das Stück meistens und behalte es lieber so im Ohr, wie ich es von früher her kenne.

Song 4 : 1
Gesamt 51 : 48

Jetzt ist deine Zeit
Wow! Der Song ist in der A-capella Version wahrhaft meisterlich! Wie die Wise Guys nur mit dem Einsatz ihrer Stimmen einen solchen Sound hinbekommen - einfach faszinierend! Natürlich weiß ich, dass man im Studio mithilfe von Kompressor und Soundeffekten einiges optimieren kann. Ein solch hervorragendes Ergebnis kann man aber nicht erzielen, wenn die Sänger nichts taugen. Scheiße bleibt auch dann Scheiße, wenn man es mit Goldfarbe besprüht und ein Blümchen reinsteckt. Hier kommt beides zusammen, was man für ein außergewöhnliches Resultat benötigt: sehr gute Stimmen und sehr gute Technik.

Dieses Stück ist mein persönlicher Lieblingssong der "Zwei Welten" A-capella. Ich gebe ihm daher die Höchstwertung von 5 Punkten. Wenn überhaupt, dann gibt es nur eine Randerscheinung, die ich als nicht perfekt ansehe: Das Panorama des Mouthdrumming ist extrem (wandert zwischen dem rechten und dem linken Kanal hin und her) und der Phaser-Effekt ist sehr stark. Hört man den Song mit Kopfhörern, ist das "too much". Aber das kann dem gewaltigen "Gänsehautpotential" nichts anhaben. Leider finde ich die instrumentierte Version nicht so gut gelungen. Es ist eine Art Syntie-Pop-Mix mit viel "Erasure", ein wenig "Depeche Mode" und ein paar Zutaten anderer 80er Bands des Genres. Das hört sich aber alles wie gewollt und nicht gekonnt an. Es klingt irgendwie "flach" und passt meiner Meinung nach überhaupt nicht zu den Wise Guys.

Eddi und Udo
Es gibt es sogar das Buch zum Lied. Eddi erzählt im Paperback "Jetzt ist deine Zeit - Mein Weg, das Leben zu genießen" von den spirituellen Melodien seines Lebens, von Sinnsuche und vom Leben im Jetzt. "Der Fingerabdruck Gottes ruht auf allem, was einem begegnet." Eine bemerkenswerte Aussage vom Leadsänger dieses Titels.

Wieso ist das Bild mit Eddi und mir eigentlich nicht verwackelt?

Song 5 : 1
Gesamt 56 :49

Seemann
Ferenc hatte im Dezember seinen letzten Auftritt mit den Wise Guys. Als ich ziemlich genau vor einem Jahr von dem anstehenden Ausstieg des begnadeten Bassisten erfuhr, hatte ich sogar den Gedanken, mich selbst als Nachfolger zu bewerben. Ich hab es dann doch nicht getan. In der Vergangenheit hatte ich einige musikalische Projekte, doch in den letzten Jahren war in dieser Hinsicht Sparflamme. Bei einer ernsthaften Bewerbung wäre ich mir so vorgekommen, als wollte ich bei einer Mannschaft mit Champions-League-Ambitionen als Mittelfeldspieler mitmischen, wäre selbst aber vor zwei Jahren das letzte Mal in der 3. Liga eingewechselt worden, bei Arminia Bielefeld oder so. Für den 1. FC Köln könnte es vielleicht noch reichen. Aber aufgrund von "Trainingsrückstand" und "fehlender Spielpraxis" bekäme ich sicherlich nie beim FC Bayern oder dem BVB ein Probetraining. Aber zu diesen Clubs würde ich ja sowieso nicht gehen, dann lieber zu Schalke.

Die Wise Guys haben sich für den Italiener Andrea Figallo entschieden. Der hat aber nicht in der "Serie A", sondern in der "Premier League" gespielt. Sein früheres Team, die Flying Pickets, war in den 80ern sogar "Meister" (Nr. 1 mit "Only You"). Das war aber vor seiner Zeit. Zuletzt ging es für ihn und seine Mannschaft vielleicht höchstens um den "Klassenerhalt". Von daher war für Andrea der Wechsel zu den Wise Guys sicherlich ein Karrieresprung. Doch er ist alles andere als ein Nobody und hat bewiesen, dass er musikalisch einiges draufhat, sei es als Bass bei Bobby McFerrins Projekt VOCAbuLarieS oder als Dirigent des Don Camillo Chores.

Hoffentlich wird Andrea von den Fans der Wise Guys angenommen, denn der Schatten des genialen Ferenc Husta ist riesengroß. Es lässt sich wahrscheinlich gar nicht vermeiden, dass Andrea an Ferenc gemessen wird und man die beiden miteinander vergleicht. Das könnte ein Problem werden, muss es aber nicht unbedingt. Andrea hat andere Stärken und sollte diese irgendwie zur Geltung bringen können. Dafür braucht er einen Freiraum, den die anderen Bandmitglieder ihm verschaffen sollten. Vielleicht wäre es klug für die Wise Guys, öffentlich zum Ausdruck zu bringen, dass Andrea nie ein zweiter Ferenc sein wird, dafür aber auf seine eigene Art gut ist. Es könnte seinen Integrationsprozess, bei dem die Anerkennung der Fans wichtig ist, erleichtern. Aber die Wise Guys wissen sicherlich, wie sie mit dieser Aufgabenstellung umgehen müssen. Bei Nils hat das ja auch hervorragend geklappt. Und der neue Mann wird das sicherlich ebenfalls packen. Caro Andrea, ti auguro tanto successo e buona fortuna! (Das letzte Wort ist keine Anspielung auf den Fußballclub der "verbotenen Stadt", in der das Bier so schmeckt, wie es heißt).

Ferenc Husta
Und was macht Ferenc nun, nachdem er die Koffer gepackt hat? Er fährt zur See, wie er uns im letzen Lied der CD mitteilt. Ihn packt "die Sehnsucht nach Stürmen und Meer", und er singt "der Wind treibt mich mit Macht hinaus". Seine arme Frau muss sich mit "wenn die Zeit reicht, dann werd ich dir schreiben" begnügen. Aber dann verrät er in einem Nebensatz, dass er nur die "Rheinautofähre von Niederdollendorf nach Godesberg" fährt. Tja, Ferenc, erwischt! Die ganze Aktion war also nur ein Trick, um Dich von zu Hause loszueisen. Von Godesberg nach Essen sind es gerade mal 100 Kilometer. Du könntest locker nach einer Wochenschicht nach Hause fahren, um dann wenigstens zwei Tage mit Deiner Frau zu verbringen.

Wer beim Hören einfach mal den ansonsten netten Gag mit der "Rheinautofähre" ignoriert, bekommt ein echtes "Hamburger-Hafen-Feeling". Beide Versionen kommen authentisch rüber, doch der "Shantychor" gefällt mir besser als die "Hafenkneipenband".

Song 3 : 2
Gesamt 59 : 51

Fazit:
Beide Teile der "Zwei Welten" gefallen mir sehr gut. Nach den ersten 14 Songs lagen sie noch gleichauf. Dann hat sich aber doch A-capella klar abgesetzt, was an den zwei "instrumentierten Aussetzern" lag.

Im Vorfeld habe ich den Vergleich mit anderen Fans in meinem Umfeld diskutiert. Dabei habe ich festgestellt, dass die meisten unter ihnen A-capella noch wesentlich deutlicher bevorzugen, als das bei mir der Fall ist. Die Wise Guys sind eine A-capella Band. Als solche kennen und lieben wir sie. Mit diesem Erkennungsmerkmal sind sie äußerst erfolgreich geworden. Wäre das instrumentierte Album zu Beginn ihrer Karriere erschienen, hätten sie wohl kaum das große Feld der Bedeutungslosigkeit verlassen. Doch mit ihrer Fähigkeit, gute A-capella Musik auf humorvolle Weise zu präsentieren, haben sie die passende Marktnische gefunden, in der sie mittlerweile die Pole-Position besetzen. Jetzt, wo sie berühmt und erfolgreich sind, dürfen sie etwas ausprobieren, ohne dass es ihrer Beliebtheit einen Abbruch tut. Das haben sie mit "Zwei Welten" getan, und das ist auch okay so.

Und wenn Euch Wise Guys in ein paar Jahren ein neues Experiment einfällt - dann nur zu! Probiert aus und habt Spaß dabei! Der wahre und dauerhafte Erfolg kann aber nur in Eurer Kernkompetenz liegen - und die ist und bleibt A-capella!

Fotos © Udo Michaelis